Wie ein aufgescheuchter Vogel flatterte das Papier meines Aufsatzes in meiner Hand, weil meine Hände so zitterten – genau wie meine Stimme. Ich stand vor der Klasse und mein Gesicht glühte vor Scham.

Es war eine Maßnahme unseres Deutschlehrers, mir endlich einmal „Selbstbewusstsein“, beizubringen. Ich müsse endlich mal aus mir herauskommen, sagte er. Und er war nicht der einzige Lehrer, der mich von diesem „Problem“ kurieren wollte. Wann immer es spontan ein Referat zu halten gab, traf es mich. Immer wieder wurden mir der Debattierclub oder eine Mitgliedschaft in der Theater AG nahegelegt. Schließlich kommen nur die Harten in den Garten – ob man da nun rein will oder nicht. Das Übel hatte viele Namen: „Mangelndes Selbstbewusstsein“, „Schüchternheit“, „Unsicherheit“. Dabei war ich eigentlich nicht wesentlich schüchterner und unsicherer als andere Teenager. Was ich war – und bis heute bin – ist introvertiert. Und das ist gut so.

Was heißt hier „introvertiert“?

Der Begriff „introvertiert“ wurde von C.G. Jung geprägt, dem Begründer der sogenannten analytischen Psychotherapie. Übersetzt man „introvertiert“ wörtlich, dann bedeutet es nichts anderes als „nach innen gerichtet“, während das Gegenteil „extrovertiert“ (eigentlich „extravertiert“, hat sich nur nie so recht durchgesetzt) „nach außen gerichtet“ heißt. Ob wir eher extrovertiert oder introvertiert sind, hängt davon ab, wie wir auf äußere Reize reagieren.

Blühen wir erst in Gesellschaft so richtig auf und sind auch große Menschenansammlungen für uns eher spannend als beängstigend, sind wir wahrscheinlich eher extrovertiert. Brauchen wir hingegen viel Zeit für uns und ist uns Reizüberflutung bestens bekannt, sind wir wohl eher introvertiert. Nach aktuellem Kenntnisstand der Wissenschaft ist der Grad unserer Intro- oder Extrovertiertheit zu etwa 50 Prozent angeboren und bleibt auch im Verlauf unseres Lebens ziemlich konstant.

Egal wie viele „Hier komme ich“-Ratgeber wir auch verschlingen, wie viele Selbstbewusstseins-Boosting-Coaches sich auch an uns abarbeiten, egal wie viele Aufsätze wir vorlesen müssen – wer eher introvertiert geboren ist, wird im Grunde seines Wesens höchstwahrscheinlich sein Leben lang introvertiert bleiben.

Da fällt einem vor Schreck direkt der Erfolgs-Ratgeber aus der Hand.

Die extrovertierte Gesellschaft?

Unsere Gesellschaft ist auf Extrovertierte ausgelegt. Wir arbeiten in Großraumbüros, in denen die Luft vor lauter Stimmengewirr vibriert. Wir aktualisieren unsere Facebook-Profile im Sekundentakt, um „sichtbar“ zu bleiben. Wir drängen in Castingshows auf vermeintlich große Bühnen, um gesehen zu werden und klettern auf der Karriereleiter mit spitzen Ellenbogen aufwärts – notfalls auch auf den Rücken der anderen.

In einer Welt mit reichlich Selbstdarstellern, in der scheinbar nur die gehört werden, die besonders laut schreien, haben es Introvertierte eher schwer. Sie werden im Durchschnitt seltener befördert, ihre Vorschläge werden häufig weniger an- und sie selbst weniger wahr- und ernstgenommen.

Vermeintlich gut gemeinte Ratschläge („Lach doch mal!“) prasseln auf sie ein und letztendlich ziehen Introvertierte oft den Schluss: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich habe mich schon nach Kräften bemüht „aus mir raus zu kommen“. Doch wie sollte man auch beispielsweise auf die Aufforderung „Erzähl’ mal was!“ reagieren, ohne wie ein absoluter Idiot da zu stehen? Und überhaupt: Wer sagt denn, dass ich nichts zu erzählen habe, nur weil ich nicht ständig laut ausspreche, was mir gerade durch den Kopf geht?

3 Mythen über Introvertierte und warum sie falsch sind

Über Introvertierte kursieren einige Vorurteile, die – mit Verlaub – Blödsinn sind. Beispielsweise folgende:

1. „Introvertierte können sich nicht durchsetzen“

„Christina ist eine ruhige Schülerin …“ so stand es in der Grundschule oft in meinem Zeugnis. Damals war das gut, denn es bedeutete, ich war „brav“. Irgendwann im Teenageralter war das plötzlich nicht mehr gut. Wer „ruhig“ war, dem wurde attestiert, dass er sich wohl nicht gut durchsetzen könne. Im unerbittlichen „Game of Thrones“ des Berufslebens fast schon das Todesurteil. Der Schluss ist aber falsch. Ich bin leiser als andere – richtig. Dennoch kann ich sehr beharrlich sein.

Es gibt im übrigen viele bekannte Introvertierte, die sich auch von Berufswegen ziemlich gut durchsetzen: Bill Gates Merkel, Mark Zuckerberg, Clint Eastwood, Barrack Obama sind da nur ein paar Namen von vielen.

2. „Introvertierte reden nicht gern“

Liebe Extrovertierte: Bitte hört auf, Introvertierte aufzufordern „auch mal was zu sagen“. Wir reden gerne, wir reden unter Umständen auch viel – nur eben nicht mit jedem und nicht über alles. Wenn uns ein Thema richtig interessiert, quatschen wir mit euch Tage und Nächte durch. Wundert euch aber nicht, wenn wir bei eher oberflächlichem Smalltalk plötzlich unser Meerschweinchen füttern gehen müssen.

3. „Introvertierte gehen nicht gerne unter Menschen“

Manchmal gibt es nichts besseres, als sich im Schlafanzug daheim einzuigeln, Tee zu trinken und mal mit niemandem reden zu müssen. Extrovertierte mögen das auch. Introvertierte brauchen das jedoch dringend, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Das heißt aber nicht, dass sie grundsätzlich nicht gerne unter Menschen gehen. Auch wir Introvertierte mögen Gesellschaft, feiern Partys und mischen uns gerne mal unters Volk. Manchmal strengt uns das nur ein bisschen mehr an, als extrovertierte Leute. Daher brauchen wir ab und an einfach mal ne Pause. Und das ist wirklich nichts Persönliches.

Das einzige, das wirklich zählt: Steh zu Dir.

Introvertiert-Sein kommt einem in unserer Gesellschaft schnell wie ein Makel vor. Doch während wir unerbittlich daran arbeiten uns ja gut zu verkaufen, an unserer Social Media-tauglichen Fassade herumpolieren und von einem Erfolgscoach zum nächsten rennen, vergessen wir leider viel zu oft eines: wer wir nun mal sind.

Je mehr wir uns verbiegen, desto unechter wirken und werden wir. Weder können wir durch noch so große Anstrengungen von einer introvertierten Person zu einer extrovertierten werden, noch wird uns das jemals glücklich machen. Es ist aber auch nicht notwendig. Die Gesellschaft mag es Extrovertierten in mancher Hinsicht leichter machen – trotzdem zwingt einen niemand mit Waffengewalt ins Großraumbüro oder auf ein riesiges Musikfestival. Jeder kann sich sein Leben – und kostet es auch etwas Mühe – so gestalten, dass er auf seine eigene Art glänzen kann.

Dafür müssen wir aber aufhören vermeintlichen Idealen nachzueifern, die uns nicht entsprechen und uns darauf besinnen, wer wir sind. Vielleicht könnt ihr Extrovertierte für den Anfang einfach selber ein bisschen mehr erzählen. Wir Introvertierte sind nämlich echt gute Zuhörer.

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