Text von: Christina Fischer

Ich hab’s halt drauf.
Weil ich’s kann.
Leider geil.
Und scheiß drauf, was ihr denkt.
Weil: Yolo.

Noch ein Selfie hinterhergeschoben, fotografiert von links oben. Kussmund und Peace-Zeichen vorm Gesicht.

Unter dem Selfie hagelt es Herzchen und Likes in den Kommentaren, die Menge tobt. „Allerschönste!“ heißt es, „Traumfrau!“ und manch einer schämt sich nicht, sogar „Topmodel!“ zu schreiben. Das Selbstbewusstsein schießt nach oben. Innerlich tief zufrieden mit sich, gewährt man auch anderen gönnerhaft ein Like unter deren Selfies – kleiner Goodie für die Fans. Dann der Selbstcheck mit der Handykamera: Alles gut – immer noch die Allerschönste.

Nie war es so einfach sich selbst zu lieben wie heute. Oder?

Aber was ist am Abend, wenn wir ungeschminkt und alleine vorm Badezimmerspiegel stehen, wenn das Handy aus ist und die Social-Media-Beifallsstürme verklungen sind? Lieben wir uns dann auch noch? Wenn keiner zusieht und applaudiert? Wenn wir die Gefühle gegenüber uns selbst einmal nicht mehr in Likes und Herzchenkommentaren messen?

Meine schwierige Reise zu mehr Selbstliebe

Fast nichts ist heutzutage so billig zu haben wie ein Like. Je höher die Zahl der Likes, desto mehr Zustimmung erhalten wir (anscheinend), desto mehr fühlen wir uns (anscheinend) angenommen, desto mehr können wir uns (anscheinend) lieben. Es ist verführerisch, dieses System, das die vermeintliche Zuneigung zählbar macht, die einem entgegengebracht wird. Auch ich habe mir schon ab und an selbst auf die Schulter geklopft, wenn ich Herzchen unter meinen neuesten Urlaubsbildern fand.

Aber es gab auch andere Zeiten. Zeiten, in denen mein Teenager-Ich seinen Anblick im Spiegel kaum ertragen konnte. Selfies und Smartphones gab’s nicht – man urteilte direkt und knallhart. Und am härtesten urteilte ich bald selber über mich. Die Hosen meiner Freundin passten mir nicht – kein Wunder bei den dicken Oberschenkeln. Der Haarschnitt, den alle Mädchen hatten, sah mit meinen Naturlocken geradezu schockierend aus. Und gegenüber Jungs kam kein Wort über meine Lippen oder ich machte mich anderweitig zum Deppen (kein Wunder bei der furchtbaren Frisur und den Monster-Beinen).

Mich selbst lieben zu lernen so wie ich bin war und ist eine schwierige Aufgabe für mich.

Oft gehe ich auch heute noch ähnlich hart mit mir ins Gericht wie damals als Teenager und zerfleische mich genüsslich selbst, bis ich mich endlich wie das Allerletzte fühle. Dann wieder gibt es Momente, in denen ich mich für das prächtigste Geschöpf des Universums halte – viel schöner, witziger oder schlauer als die blöden anderen.

Beides ist ziemlich ungnädig – entweder gegen mich selbst oder gegen die anderen. Beides hat natürlich wenig zu tun mit echter Selbstliebe. Erich Fromm, der deutsch-US-amerikanische Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, würde an dieser Stelle entnervt mit den Augen rollen, wenn er noch leben würde. In seinem Werk „Selbstsucht und Selbstliebe“ hat Fromm klar gestellt, dass wir nicht mehr auf dem Holzweg in Richtung Selbstliebe sein könnten, als wenn wir der Selbstsucht verfallen:

„Es stimmt, dass selbstsüchtige Menschen unfähig sind, andere zu lieben; sie sind jedoch genauso unfähig, sich selbst zu lieben.“

Wie aber kann man das eine vom anderen unterscheiden, wenn der Grad dazwischen doch offenbar so schmal scheint?

Glücklicherweise gibt es Unterschiede, die man benennen kann. Anhaltspunkte, die uns erkennen lassen, dass wir in Sachen Selbstliebe womöglich mal wieder auf besagtem Holzweg sind.

Hier sind sieben davon.

1. Selbstliebe ist bedingungslos

„Wenn ich genug Likes bekomme, werde ich gemocht/ bin ich liebenswert.“ „Wenn ich ein paar coole Anmachsprüche auswendig gelernt habe, werden mir die Herzen zufliegen.“ „Wenn ich zehn Kilo abgenommen habe, bin ich hübsch genug für den Traummann.“ … kommt Dir das bekannt vor? Mir schon. Wir knüpfen die Liebe zu uns selbst nur zu gern an Bedingungen. Das hat den vermeintlichen Vorteil, dass wir uns nicht direkt mit der Sache befassen müssen. Sich selbst lieben ist schwer und unterbewusst wissen wir das meist. Wir verbauen uns damit jedoch die wunderbare Erfahrung, uns selbst aufrichtig zu lieben – im Hier und Jetzt. Stell’ Dir vor, Du triffst Deinen Traummann und der sagt „Zum Glück hast du zehn Kilo abgenommen. Anders hätte ich dich nicht lieben können.“ Fühlt sich nicht gerade liebevoll an, oder? Deswegen: Liebe Dich bedingungslos und jetzt (so gut Du es eben gerade schaffst).

2. Selbstliebe ist nicht Eitelkeit

Ich hatte sie auch, diese perfekte Freundin. Alles sah super an ihr aus, die Herzen flogen ihr zu, ihr Fanclub wuchs ständig. Ich reichte gefühlt einfach nicht an sie heran – und das ließ sie mich spüren. Ob sie sich selbst liebte? Ich glaube nicht. Denn sie konnte mich nicht lieben (genauso wenig wie die anderen Bewunderer). Erich Fromm sagt dazu folgendes: „Die Liebe zu meinem eigenen Selbst ist untrennbar verbunden mit der Liebe zu anderen.“ Wer also eitel ist und nur auf sich selbst blickt, ist nicht selbstliebend, sondern eigentlich selbstsüchtig.

3. Selbstliebe spielt sich nicht auf dem Rücken anderer ab

Perspektivenwechsel: Ihr steht nicht im Schatten einer anderen Person, denn Ihr habt gelernt „nein“ zu sagen und euch zu geben, was ihr braucht. Das ist ein Zeichen von Selbstliebe – aber nur, solange der Spaß nicht auf Kosten anderer geht. Wer andere aus Eigennutz übervorteilt, missachtet, sabotiert oder sonst wie übers Ohr haut, ist von Selbstliebe weit entfernt.

4. Selbstliebe ist mitfühlend

Mitgefühl wird durch Liebe bedingt. Wer mit jemandem aufrichtig mitfühlt, der kann in diesem Moment nicht egoistisch sein. Auch Mitgefühl für sich selbst geht nur mit Liebe. Wir sind oft so hart mit uns selbst, sagen uns Dinge, die wir niemals zu anderen sagen würden. Dabei könnten wir uns das doch auch voll Mitgefühl verzeihen (die „Monsterbeine“, die „hässliche Frisur“, die Pickel, unsere Schüchternheit etc.). Das wäre Selbstliebe.

5. Selbstliebe muss nichts beweisen und nichts verstecken

Wer sich selbst liebt, muss nicht beweisen, dass er oder sie der oder die Tollste/Beste/Schönste auf der Welt ist. Ebenso wenig müssen (angebliche) Makel versteckt werden vor dem harten Urteilsspruch der anderen. Sich selbst lieben heißt sich annehmen und okay damit sein, was und wie man ist. Wenn andere sich an Euch stören, haben die ein Problem – mit sich selbst.

6. Selbstliebe heißt mutig sein und nicht wegrennen

Selbstliebe steht erst dann richtig auf dem Prüfstand, wenn Gegenwind kommt. Die lästernde Tussi, die mobbenden Kollegen, der cholerische Vorgesetzte. Nichts wäre leichter, als sich klein zu machen und nachzugeben – doch das geht zu Lasten der Liebe zu Dir selbst. Lass’ nicht zu, dass andere Dir Unrecht tun. Bleib nur ein einziges Mal standhaft, sagt „Stopp“ und schau’ was passiert. Ich wette, das nächste Mal fällt es Dir schon nicht mehr so schwer.

7. Selbstliebe kommt nicht von außen, sondern von Dir selbst

Du bist nur so liebenswert wie die Anzahl Deiner Likes? Du kannst Dich nur schön finden, wenn Du genug Fanpost auf Facebook bekommen hast? Du fühlst Dich nur in Deinen Klamotten wohl, wenn jemand sagt, dass sie Dir stehen, nur dann kompetent, wenn Du den Job bekommst, nur dann schlau, wenn Du gute Noten hast, nur dann geliebt, wenn man es Dir ständig sagt? Mit Verlaub: Bullshit!

Selbstliebe entsteht ausschließlich durch Dich selbst und in Dir selbst. Komplimente sind super – aber mach Dich nicht von ihnen abhängig.

Die wichtigsten Likes sind schließlich die, die Du dir selbst gibst.

Wie Du mehr echte, tiefe Selbstliebe aufbauen kannst, zeigt Dir das myMONK-Buch Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst. Siehe auch DAS unterscheidet Narzissten und Selbstbewusste.

Photo: martinak15