Text von: Lena Schulte

Der Himmel ist abgestürzt, mit Karacho auf den Kopf geknallt, überall Scherben, Schutt und Asche. Das Leben hat plötzlich die falsche Abfahrt genommen, ist anstatt ins Innere-Ruhe-Land ins innere (und äußere) Krisengebiet gebrettert. Das Gefühlspendel schwingt orientierungslos hin und her und weiß auch nicht wirklich, ob nun eine dreistündige Notfallumarmung oder einfach nur Ruhe hilft. Steht die Welt erstmal über Kopf, stehen wir es auch gerne mal. Schwer, so etwas zu erleben – und schwer mit anzusehen, wenn es einen anderen trifft, den wir lieben.

Wie können wir jemandem Freiraum geben, ohne Grenzen zu überschreiten oder desinteressiert zu wirken … und trotzdem für ihn da sein? Mit ihm sprechen, ohne Floskeltiraden loszutreten?

Die Autorin Heather Plett hat sich dem Thema „echten Freiraum geben“ gewidmet. Sie berichtet vom Sterbeprozess ihrer Mutter und wie es eine Krankenschwester schaffte, die Familie zu unterstützen – ohne sie einzuengen oder zu bevormunden. Hier sind ihre wichtigsten Erkenntnisse, gemischt mit meinen Überlegungen.

Da sein ohne Patent-Lösungen

Wenn sich jemand in einer Krise an mich wendet, will ich nur eins: helfen. So effektiv wie möglich und am besten sofort. Ohne mir dem wirklich bewusst zu sein, habe ich viel zu oft den Anspruch an mich, dass es dem anderen nach einem Gespräch mit mir unbedingt besser gehen muss. Mit einem strahlenden Lächeln soll er von Dannen ziehen, für immer von seinem Kummer befreit sein, auf dass er noch seinen Kindeskindern erzählt, was für eine gute Helferin ich war.

Und ZACK! Schon schnappt die Falle zu, und ich habe mich selbst dafür verantwortlich gemacht, wie es dem anderen nun geht. Und der gedankliche Fokus verschiebt sich weg vom andern, hin zu mir und meinem Helfer-Erfolg – oder eben auch Misserfolg. Dass das keinem wirklich weiterhilft, wenn ich hauptsächlich damit beschäftigt bin, unter allen Umständen bloß die perfekte Helferin zu sein, liegt auf der Hand. Dann ist es gut, sich daran zu erinnern, dass es nicht immer möglich ist, sofort die Paradelösung servieren zu können. Und auch, dass es vielleicht gar nicht unsere Hauptaufgabe ist, die Probleme einer anderen Person zu lösen. Und dass wir trotzdem helfen können, indem wir ganz einfach und unaufgeregt da sind, Präsenz und Interesse zeigen.

Jemandem Raum geben heißt: da sein auch ohne Sofort-Lösung.

Vertrauen

Besonders trauernden Leuten wird aus Sorge oft abgesprochen, selbst zu wissen, was sie gerade brauchen und was gut für sie ist. Aber auch wenn jemand gerade zum ersten Mal durch eine bestimmte Krise geht bedeutet das nicht sofort, dass sein Gehirn und seine Intuition gänzlich auf Stand-By laufen. Meistens wissen wir alle ziemlich gut, was wir gerade brauchen und was wir tun wollen – und was nicht. Die Entscheidungsfreiheit des anderen zu unterstützen gibt ihm Vertrauen in seine Selbstwirksamkeit. Davon brauchen wir besonders viel in Zeiten, in denen es drunter und drüber geht. Wir können dem anderen sagen: „Ich bin immer da und unterstütze Dich, wenn Du mich brauchst. Aber ich weiß, Du schaffst es auch ohne mich.“

In der Krise muss jeder seinen eigenen Weg gehen, und wir sollten dem anderen zugestehen eigene Erfahrungen zu sammeln. Auch, wenn diese von unseren Erfahrungen abweichen.

Jemandem Raum geben heißt: Entscheidungen akzeptieren, die wir selbst so vielleicht nicht getroffen hätten.

Das ist kein Plädoyer für einen Larifari-mach-doch-was-du-willst-Umgang, doch so lange sich der andere nicht für fahrlässigen Unfug entscheidet, möchte ich ihm gern im Folgen seiner inneren Weisheit bestärken.

Sei ein warmer Safe

Um sich wirklich frei und gehalten zu fühlen, brauchen wir ein Gegenüber, bei dem wir unangenehme Gefühle haben dürfen, auch die komplexen, nicht rational berechenbaren. Und zwar so lange, bis der Normalzustand wieder einkehren kann.

Wir brauchen einen Menschen, der warm ist, uns Zuflucht bietet und unser sicherer Ort ist. Jemanden, bei dem wir wissen, dass unsere Verletzlichkeit sicher ist und nicht nach außen getragen wird. Dabei hilft es, wenn wir auch im Alltag schon kleinere Geheimnisse für uns behalten und so Vertrauen aufbauen.

Jemandem Raum geben heißt: einen behaglichen Ort für alle Gefühle und Gedanken schaffen.

Wissen, wann praktische Hilfe gefragt ist

Heather Plett sah sich zum ersten Mal damit konfrontiert, ihre Mutter nun auch körperlich zu pflegen. Da bemerkte sie, dass deren Krankenschwester genau zu wissen schien, wann sie sich mit praktischen Hilfestellungen zurückhalten sollte und in welchen Momenten die Mutter ihre Unterstützung brauchte.

Erfahrung hilft dabei natürlich. Aber auch wenn wir unser Gegenüber aufmerksam beobachten, kann uns das helfen zu erkennen, in welchen praktischen Bereichen der Krisenbewältigung sich jemand besonders verletzlich und hilflos fühlt, und von unserer Erfahrung profitieren kann.

Jemandem Raum geben heißt: mit anpacken, ohne übergriffig zu sein.

Es ist nicht leicht, für einen anderen da zu sein in schweren Zeiten. Doch es wird leichter, wenn wir ihm – und uns selbst – Luft zum Atmen lassen. Ich muss bei all dem an Worte von Mutter Teresa denken:

„Wir können keine großen Dinge vollbringen – nur kleine, aber die mit großer Liebe.“

Mehr unter 4 Wege, wie Du durch schwere Zeiten kommst und unter Wenn Du gerade schwer kämpfst, solltest Du diese Geschichte lesen.

Photo: Elderly couple / Shutterstock