Es folgt ein Gastbeitrag von Johannes Schulte.

 

In so vielen Büchern und Seminaren wird uns eingeredet, dass wir nur wirklich erfolgreich sind, wenn wir der Beste in unserem Fach sind und einzigartig auf unserem Gebiet.

Wie stressig ist das denn?!

„Du musst herausragend sein und auffallen. Gib dein Bestes, werde zum Besten und dann steht dir auch das Beste zu.“

So einfach ist das.

Das meinen zumindest einige Gurus.

Pustekuchen.

Das ist doch viel zu anstrengend. Kaum machbar. Depressionen sind vorprogrammiert. Und unseren Freundeskreis wird das auch nicht unbedingt vergrößern. Denn wer möchte schon gerne im Schatten des Besten stehen?

Bei mir hat diese Denkweise dazu geführt, dass ich 2006 absolut ausgebrannt und mit einem Nervenzusammenbruch beim Arzt landete. Ich musste mich aus der Organisation zurückziehen, die ich vier Jahre vorher gegründet hatte und seitdem leitete.

Sechs Monate war ich also krankgeschrieben.

Sehr schmerzhaft. Und peinlich.

Einige Jahre hat es gedauert, bis ich mich wieder richtig erholte und heute viele Dinge anders sehe.

Und anders lebe.

Mittlerweile hat sich vieles geändert. Ich versuche nicht mehr, der Beste zu sein. Und das ist wohl das Beste, was ich aus meinem Burnout gelernt habe.

Aber noch etwas habe ich gelernt.

Wenn ich mit meinen zwei hübschen Töchtern und meiner Frau zusammensitze, dann rufe ich schon mal euphorisch: „Ich habe die beste Ehefrau. Die beste Ehefrau, die ich je geheiratet habe.“  Ja, wir scherzen gerne zuhause, aber in jedem Scherz liegen auch viele Körner Wahrheit.

Natürlich ist meine  Frau die beste Ehefrau für mich. Und das nicht nur, weil sie die einzige Frau ist, die ich je geheiratet habe. Aber das macht doch nicht alle anderen Ehefrauen zu Schreckschrauben. Und Millionen Ehemänner stehen wegen meiner Traumfrau auch nicht als Verlierer da.

Wir alle können zu den Gewinnern gehören.

Die folgenden vier Dinge haben mir geholfen, dass ich heute entspannter und besser lebe, ohne immer der Beste sein zu müssen.

1.  Sei ein Original und keine Kopie

Vieles auf diesem Planeten funktioniert in einem organisierten System.

Das eine ist vom anderen abhängig und steht in Beziehung zueinander.

Der Körper funktioniert, wenn jedes Körperteil und jede Zelle ihre Aufgabe erfüllt. Eine Maschine funktioniert, wenn jedes Teil am richtigen Platz die festgelegte Aufgabe übernimmt. Und auch wir als individueller Mensch leben in einem System. Wir stehen in Beziehung zu anderen Menschen und befinden uns in einem bestimmten Umfeld. Wir haben eine individuelle Persönlichkeit und unsere ganz eigene Vergangenheit. Wir alle haben eine individuelle Ansammlung von Begabungen und Träumen.

All das zusammen macht uns einzigartig.

Keiner hat dieselbe Funktion in diesem System wie du.

Das bedeutet:

  1. Es ist unmöglich und völlig sinnlos, wenn wir uns mit anderen Menschen vergleichen.
  2. Wir tun das Beste, wenn wir unsere ganz individuelle Aufgabe und Rolle ausleben.

Ist das nicht herrlich entspannend!

Wir können mit der Einstellung von Konrad Adenauer durchs Leben gehen, der einmal sagte:

„Die einen kennen mich. Die anderen können mich.“

2. Sei ein Visionär und lebe aus, was dir wichtig ist

Helen Keller wurde als Kleinkind taub und blind. Eine tragische Geschichte. Und trotzdem hat sie in ihrem Leben Enormes erreicht. Sie studierte, reiste um die Welt, schrieb mehrere Bücher. Als sie einmal gefragt wurde, was denn schlimmer sein könnte als blind zu sein, meinte sie:

„Schlimmer als blind zu sein ist es, wenn man keine Vision hat.“

Nun, Vision kommt vom lateinischen Begriff „Visere“. Visere bedeutet Sehen. Ich verstehe Visionäre als diejenigen, die

  1. klar vor Augen sehen, was im Leben wirklich wichtig ist. Und
  2. sich dann radikal auf dieses Wichtige konzentrieren und diese Werte ausleben.

Wir alle haben aufgrund unserer eigenen Geschichte und Persönlichkeit andere Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Es wäre fatal, die Werte anderer zu leben.

Was mir selbst in den letzten Jahren sehr geholfen hat, waren folgende drei Schritte:

  1. Ich habe meine eigenen Werte klar für mich definiert und festgelegt, was mir persönlich wirklich wichtig ist.
  2. Diese Werte halte ich mir regelmäßig vor Augen und erinnere mich an meine Vision.
  3. Bei Entscheidungen frage ich mich: „Lebe und unterstütze ich mit dieser Entscheidung meine Werte und konzentriere ich mich auf das, was wirklich wichtig ist? Oder lenkt es mich von dem wirklich wichtigen ab?“

Letztes Jahr las ich eine Biographie über den Chemiker und Drogenexperten Prof. A. E. Wilder-Smith  – eine bewegende Geschichte. Am stärksten habe ich mir allerdings nicht die Geschichte oder die vielen Titel eingeprägt, sondern den Buchtitel:

„Es war ein reiches Leben“.

Seitdem frage ich mich öfters: Wie kann ich so leben, sodass mein Leben ebenfalls reich – also mit Werten reich angefüllt – ist?

Die oben beschriebenen Schritte helfen mir, dass ich das Beste aus meinem Leben mache, sodass ich am Ende ebenfalls ein Buch schreiben könnte, das denselben Titel trägt.

Und das ist doch wohl das Beste, das wir tun können, oder?

3. Bleibe in deinem Element

„Ich will ihn vor dem Ertrinken retten“, sagte sich der Vogel. Und so schnappte er sich den Fisch und setzte ihn auf einen Ast.

Ja hat der Vogel denn einen Vogel? Weiß er nicht, dass der Fisch nur im Wasser in seinem Element ist und an der Luft ersticken wird?

Diese Minigeschichte mit dem Vogel erinnert mich an meine eigene Geschichte. Wie oft bin ich schon halb erstickt, weil ich so sein wollte wie andere.

Wir alle sind so unterschiedlich und es ist fatal, sich mit anderen zu vergleichen.

Das Beste lebe ich, wenn ich mich selbst gut kenne und mein Umfeld, meinen Lebensstil und meine Arbeitsweise so anpasse, dass ich so oft es geht in meinem Element bin.

Als Fisch wäre es das Wasser, als Vogel die Luft und als Maulwurf die Erde.

Und für mich?

Das ist die spannende Entdeckungsreise, auf der wir uns alle befinden.

4. Freunde dich mit deinen Fehlern an

Unsere Töchter waren drei und fünf Jahre alt, als sie mich regelmäßig auf die Palme brachten. Denn immer wenn sie etwas nicht verstanden, schauten sie mich mit großen Augen an und sagten „Häh?“

Irgendwie nervte mich diese unzivilisierte Art. Ich wollte, dass unsere Töchter vernünftig mit „Wie bitte“ antworteten. Also nutze ich all meine Trainertalente und brachte ihnen bei, wie man richtig zu antworten hat.

Nach einigen Tagen war es soweit und meinte Töchter reagierten immer höflich mit „Wie bitte“.

Zwei Tage später traf ich meinen Schwager und wir unterhielten uns in der Küche. Plötzlich schaute er mich irritiert an und meinte: „Johannes, fällt dir eigentlich auf dass du immer „Häh“ sagst, wenn du etwas nicht verstehst?“

Ja, diese peinliche Begebenheit erinnert mich daran, dass ich immer ein Vorbild bin. Aber nicht immer ein gutes. Weder für meine Kinder noch für mich selbst.

Ich habe schon viele Fehler im Leben gemacht. Und mache sie immer noch.

Es gibt Momente, da werfe ich meine Werte über den Haufen. Manche Situationen lassen mich vergessen, was wichtig ist und wie ich mich am besten verhalten sollte.

Das Leben ist nun mal nicht perfekt und es wäre vermessen zu behaupten, ich lebe heute immer und zu jeder Gelegenheit das Beste, das mir möglich ist.

Aber ich habe gelernt, dass meine eigenen Fehler meine besten Freunde sein können. Und zwar, wenn ich sie als Agenten mit einem bestimmten Auftrag verstehe. Sie haben den Auftrag, mir etwas beizubringen, damit mein Leben reicher und stärker wird.

Wenn ich also wieder einmal einen Fehler gemacht habe, dann überlege ich mir, was mir dieser Fehler wohl beibringen wollte.

Diese Denkweise hilft mir, dass ich mich von den zerstörerischen Selbstvorwürfen entferne und mich stattdessen auf konstruktive Lösungen konzentriere.

Das ist doch entspannend, oder?

Und spannend.

Denn daraus ergeben sich wieder neue Möglichkeiten, das Beste aus dem Leben zu machen, ohne immer der Beste sein zu müssen.

 

johannes_schulte_pressebildAutor: Johannes Schulte

Johannes Schulte ist Personalentwickler und Redner. In Vorträgen und auf seiner Webseite starkwerden.eu gibt er Impulse und Hilfen weiter, wie man sich selbst stärker und entspannter coacht und einen Burnout vermeidet. In seinem kostenlosen E-Book erzählt er seine Geschichte und gibt praktische Tipps weiter.

Photo (oben):web4camguy