Die Uni lag gerade hinter mir, ein Job als Unternehmensberater vor mir. Es war der 1. Oktober, wenn ich mich richtig erinnere. Der 1. Oktober 2010. Früher Morgen. Ich zog meinen schwarzen Anzug an, schwarzen Mantel drüber, schwarze Schuhe zu. Schwärzer wäre ich auch auf einer Beerdigung nicht bekleidet gewesen. Und irgendwie war dieser Tag so etwas wie eine Beerdigung für mich. Nach langen Jahren als Student, nach noch längeren Jahren, in denen ich davon träumte, mein eigenes Unternehmen zu haben, begrub ich meine Freiheit und meine Träume mit jedem Schritt auf dem Weg zu meinem ersten richtigen Arbeitstag in Anstellung. So ist das Leben halt, dachte ich, da muss ich jetzt durch.

Spulen wir zwei Monate vor.

Der Job war gar nicht so verkehrt. Ein Teil von mir gewöhnte sich langsam an ihn. Geld, Kollegen, das Gefühl, irgendwie wichtig und erwachsen zu sein. Nach einem langen Arbeitstag gab es zuhause Pizza und Bier, ansonsten war aber nicht mehr viel mit mir anzufangen, die Stunden im Büro hatten mich durch den Wolf gedreht. Ein anderer Teil von mir, der nach innen horchte statt nach außen zu schauen auf Geld, Kollegen und Anerkennung, war noch immer da und immer noch unzufrieden, doch er klagte langsam leiser. Diesem Teil wollte ja ohnehin niemand zuhören.

Spulen wir weitere drei Monate vor.

Zwischen arbeiten, Pizza, Bier und lächerlich kurzen Wochenenden hatte ich kaum noch Zeit, über meine Situation nachzudenken. Ich hatte mir mein Leben mal anders erträumt, das fühlte ich zwar nach wie vor. Aber was willste machen, weiter geht’s, morgen muss wieder eine Menge erledigt werden, nützt ja alles nichts. Und dann passierte etwas, das doch nützte: ich wurde krank, nichts Ernstes, aber eine starke Erkältung, die mir ein paar Tage im Bett bescherte und die erste Gelegenheit, mir mein Leben mal in Ruhe anzuschauen. Den an sich coolen Job mit vielen netten Leuten, anständiger Bezahlung und der Möglichkeit, schnell viel zu lernen. Aber auch den Stress. Die Aufgaben, die mit mir nichts zu tun hatten. Die Leere. Das Bier am Abend und das ganze Essen, mit dem ich die Leere füllen wollte. Die Termine und Meetings und Anweisungen und wie sehr mir meine Freiheit fehlte.

Spulen wir noch mal ein paar Tage vor.

Erster Tag im Büro nach der Zwangspause. Ich bat meinen Chef um fünf Minuten.

Ich zog meine Kündigung aus der Tasche. Und ich wusste: das ist einer der wichtigsten Momente meines Lebens.

Wie ich den Mut fand, zu kündigen (und wie Du ihn auch finden kannst)

Leicht fand ich es nicht, diesen Schritt zu gehen. Tausend Fragen rauschten mir durch den Schädel, so wie diese:

Für den Lebenslauf ist eine frühe Kündigung im ersten Job unschön – was, wenn ich doch wieder einen Job brauchen würde?

Waren die anstrengenden Jahre für gute Noten im Studium umsonst gewesen, wenn ich nie wieder einen Job brauchen würde und das Zeugnis genauso gut wegwerfen könnte?

Was würde meine Familie denken, meine Freunde, die Bekannten, die Kollegen – dass ich versagt habe?

Wovon sollte ich auf Dauer die Rechnungen zahlen?

Trotz all dieser Fragen kündigte ich.

Hier die Gründe, die mir den Mut dazu gaben:

  • Länger zu warten würde es nicht besser machen: wäre ich länger im Job geblieben, wäre ich wohl mehr und mehr finanzielle Verpflichtungen eingegangen, um mich für die Arbeit zu entschädigen. Ich wäre in eine größere Wohnung gezogen, hätte mir ein Auto angeschafft und so weiter … alles Posten, die das Aussteigen später scheinbar erschweren würden, weil man meint, diesen „Lebensstandard“ unbedingt zu brauchen und dieses Standardleben dafür in Kauf nehmen zu müssen.
  • Mehr und mehr war ich davon überzeugt, dass der Weg des Angestellten für mich der falsche ist, und dass ich ihn nur eingeschlagen hatte, weil es alle so machen (siehe 13 Gründe, niemals einen Job anzunehmen).
  • Ich wollte nicht irgendwann aufwachen und mir eingestehen, kostbare Jahre verschwendet zu haben mit Sachen, die mir nichts bedeuten.
  • Ich wollte Zeit haben für alles, was mir wichtig ist … die lieben Menschen, die guten Bücher, Musik, Spaziergänge, Stille.
  • Ich wusste, zu kündigen bedeutete nicht, ich sei gescheitert. Eher gescheiter.
  • Ich hatte Angst. Angst vermischt mit Vorfreude auf die Freiheit und darauf, tun zu können, was ich liebe. Vermischt mit der Sehnsucht, den Platz in der Welt zu finden, der sich wie mein ureigener anfühlt. Mehrmals täglich sah ich mich in meinem neuen Leben, bis es mir immer realistischer erschien.
  • Mit niemandem sprach ich über meine Pläne – außer mit denen, von denen ich wusste, sie würden mich darin bekräftigen.
  • Ich wusste, einfach würde es nicht werden ohne Job. Doch ich war bereit zu kämpfen. Weil ich wusste wofür.
  • Auch an die kleinen und großen Siege aus meiner Vergangenheit zu denken gab mir Zuversicht. Ich hatte schon andere Herausforderungen gemeistert, und ich würde auch diese meistern können.
  • Ich wusste auch, dass die größte aller Niederlagen für mich die wäre, gar nicht erst für meinen Traum gekämpft zu haben.

… und der vielleicht wichtigste Punkt:

  • Ich wusste, was ich statt des Jobs tun wollte. Seit meiner Jugend wollte ich vom Internet leben. Noch als Student begann ich mit einem Geschäftspartner, Websites aufzubauen. Um sie wachsen zu lassen, stand ich fast jeden Morgen zwei Stunden früher auf und arbeitete an ihnen, bevor ich ins Büro ging. Bis zu meinem ersten Tag ohne Job brachten sie genug ein, um mich in den nächsten Monaten halbwegs über Wasser zu halten. Das gab mir Vertrauen. Außerdem war ich überzeugt davon, dass sich die Dinge schon entwickeln würden, wenn ich darauf setze, echten Wert zu schaffen.

Ohne Pläne für die Zukunft hätte ich mich noch lange als Angestellter gequält. Keine Ahnung, vielleicht sogar für immer, mein ganzes kurzes Leben lang.

Wenn Du auch gerade irgendwo feststeckst in einem Job, den Du nicht liebst, von Herzen lieber etwas ganz anderes tun würdest mit Deiner Zeit, aber nicht weißt, wie Du jemals ohne den Job über die Runden kommen sollst …

dann ist es vielleicht an der Zeit, neue Pläne zu schmieden oder alte wieder heraus zu kramen und an ihnen zu feilen.

Bis Du ihnen genug vertraust, um zu kündigen und Dich trotz aller Unsicherheiten auf den Weg zu machen, Deinen Traum zu verwirklichen.

Dieser Text könnte Dir dabei helfen: Wie Du echten Wert schaffen und von Deiner Leidenschaft leben kannst.

Was hat Dir den Mut gemacht, zu kündigen und Deine Träume zu verfolgen – oder: was fehlt Dir noch, um diesen Schritt zu gehen?

Freu mich wie immer über eure Kommentare!

 

Photo: Joe St.Pierre