„Wir bekommen so einen Nervenkitzel dabei, in Richtung zukünftiger Freuden zu schauen und zu rennen, uns abzuhetzen, dass wir nicht mehr abbremsen und sie genießen können, wenn wir sie tatsächlich erreicht haben“, schreibt Alan Watts über unsere chronisch enttäuschte Gesellschaft.

Produktivitäts-Fetischisten peitschen uns zu Motivation! und Erfolg! und Wachstum!, doch unsere Seelen schrumpfen und schrumpfen dabei (Stichwort Burn-out, Stichwort Durchdrehen). Oft genug sind wir es selbst, die sich nur noch antreiben und dabei verlernen, sich auch mal treiben zu lassen. Die Arbeit und das ständige Ziele-Setzen fressen unser Leben auf, „Work-Life-Balance“-Bullshit hin oder her.

Viele von uns „funktionieren“ nur noch. Etwas, das ich sehr gut kenne, weil ich als BWL-Student unbedingt zu den besten gehören wollte für die anschließende „große Karriere“, und dabei meine Grenzen missachtete.

Zu kaum einer Zeit waren Innehalten und Muße seltener – und wichtiger – als heute. Der Begriff des Workaholics wurde jedoch bereits 1948 in Kanada erfunden. Ein Jahr später schrieb der deutsche Philosoph Josef Pieper (1904-1997) ein Buch mit dem Titel „Muße und Kult“, das es in sich hat. Ein Manifest gegen die Arbeitssucht der Bevölkerung. Gegen das TOTALE ARBEITEN. Gegen das Leben, um zu arbeiten.

Warum Muße so wichtig ist

Warum sollten wir überhaupt ausbrechen aus der tretmühligen Arbeitswelt? Was macht Muße so unverzichtbar?

Pieper dazu:

„Die Kraft zur Muße gehört zu den Grundkräften der menschlichen Seele. Sie ist die Kraft, in der Überschreitung der Arbeitswelt Berührung zu gewinnen zu übermenschlichen, Leben spendenden Mächten, die uns dann erquickt und erneuert.

Einzig in der echten Muße öffnet sich eine »Tür ins Freie« aus dem Sperrbezirk jener unterschwelligen Angst, worin ein scharfsichtiger Beobachter das Kennzeichen der Arbeitswelt sieht.

In der Muße wird das wahrhaft Menschliche dadurch gewahrt und gerettet, dass der Bereich des »eigentlich Menschlichen« immer wieder einmal verlassen wird – und dies nicht in einer äußersten Anstrengung, sondern wie in einer Entrückung.“

Ohne dieses Entrücken, dieses Ausbrechen aus dem ständigen „Funktionieren“ werden wir zu Maschinen, geölt und in Betrieb gehalten von Angst, entseelt von den Lasten und dem Kampf.

Muße ist weit mehr als Pause und Urlaub

Bevor ich Piepers Buch las, war ich mir unsicher, was Muße ist. Beim Gedanken daran sah ich mich Cocktails am Strand schlürfen, während eine hübsche Fachkraft meine Füße pedikürt und sich dabei langsam mit der Zunge über die Lippen fährt.

Pieper sieht das anders, und ich denke, er hat Recht:

„Trägheit im alten Sinn ist so wenig gleichbedeutend mit Muße, dass sie als die innere Voraussetzung der Mußelosigkeit gelten muss. Muße kann es nur geben, wenn der Mensch eins ist mit sich selbst, wenn er seinem eigentlichen Sein zustimmt.

Muße ist eine seelische Haltung. Sie ist mit den äußeren Fakten von Arbeitspause, Freizeit, Wochenende, Urlaub nicht schon gegeben. Muße ist ein Zustand der Seele.“

Muße ist also viel mehr, als zwei Wochen im Urlaub rumhängen nach 50 Wochen Büro. Und ebenso mehr als verzweifelter Wochenend-Freizeitstress zwischen übereifrigem Knochenbruch-Yoga, Berge-hoch-und-runter-rennen und Sprachkursen.

Stattdessen, so Pieper …

„ist die Muße das genaue Gegenteil des Bildes vom „Arbeiter“. Und zwar jedem der drei Aspekte, die Arbeit ausmachen: Arbeit als Aktivität, Arbeit als Mühe, Arbeit als soziale Funktion.“

Drei Dinge unterscheiden die Muße demnach von der Arbeit. Schauen wir sie uns an.

1. Muße ist Un-Geschäftigkeit

Geschäftig ist ein schönes Wort für das, was wir tun und wie wir es tun. Immer mit einem Zweck verknüpft. Damit, etwas voranzutreiben, weiter, weiter. Ob privat oder im Job. Muße ist das Gegenteil:

„Gegen die Arbeit als Aktivität steht die Muße als die Haltung der Nicht-Aktivität, der inneren Un-Geschäftigkeit, der Ruhe, des Geschehen-Lassens, des Schweigens. Muße ist Schweigen, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. Solches Schweigen ist nicht stumpfe Lautlosigkeit, nicht totes Verstummen; es bedeutet vielmehr, dass der Antwortkraft der Seele nicht ins Wort gefallen wird.“

Muße geht dabei hinaus Stillstand und herkömmliche Stille und sie bringt uns etwas, das wir mit bloßer Anstrengung nie gewinnen können:

„… sie ist nicht das gleiche wie Stille, auch nicht dasselbe wie innere Stille. Sie ist wie die Stille im Gespräch der Liebenden, das aus der Übereinstimmung sich nährt.

Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich öffnet; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der loslässt, der sich loslässt und überlässt – fast wie ein Schlafender sich überlässt (nur wer sich überlässt, vermag ja zu schlafen).

So werden dem Menschen die großen, die glücklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle vor allem in der Muße zuteil.“

2. Muße ist ein inneres Fest jenseits des Alltags

Zweitens steht die Muße der Arbeit als Mühe entgegen:

„Muße ist eine Haltung feiernder Betrachtung. Muße ist nur möglich unter der Voraussetzung, dass der Mensch dem wahren Wesen seiner selbst zustimme (während die Trägheit in der Verweigerung dieser Zustimmung wurzelt) und dass er auch mit dem Sinn der Welt in Übereinstimmung sei. Muße lebt aus der Bejahung.

Die höchste Form der Bejahung ist das Fest. Ein Fest feiern heißt: mit dem Sinngrund der Welt übereinstimmen, ja die Eingeschlossenheit in ihm, auf unalltägliche Weise darleben und vollziehen. Es ist der Feier-Charakter, durch den es der Muße zukommt, nicht allein mühelos zu sein, sondern das Gegenteil von Mühe.“

3. Muße dient nicht nur der Erholung

Zuletzt ist Muße auf keinen Fall das, wovon wir sprechen, wenn wir „unsere Batterien“ aufladen wollen, als wären wir nur Roboter:

„Drittens steht die Muße gegen die Arbeit als soziale Funktion. Die bloße Arbeitspause, mag sie nun eine Stunde dauern oder eine Woche oder noch länger, ist durchaus dem Bereich des werktäglichen Arbeitslebens zugehörig. Sie ist eingekettet in den zeitlichen Ablauf des Arbeitstages; sie ist ein Stück von ihm. Die Pause ist um der Arbeit willen da.

Muße hat ihren Sinn nicht darin, als körperliches Ausruhen oder als seelische Erholung neue Kraft zu spenden zu neuer Arbeit – wiewohl sie dies tut!

Sosehr es etwa richtig ist, dass, wer am Abend zu beten pflegt, besser einschläft, so kann doch niemand um des Einschlafens willen das Abendgebet sprechen wollen. Ebenso wird niemand, der etwa um der bloßen »Erholung« willen sich der Muße hingeben wollte, ihre eigentliche Frucht, die wie in tiefem Schlaf gewonnene Erquickung, erfahren.“

Pieper warnt davor, auch die Zeit jenseits von Büros und Produktionshallen der Arbeit zu unterwerfen:

„Die Muße hat ihre Rechtfertigung nicht darin, dass der Funktionierende möglichst störungsfrei und »ohne Ausfälle« funktioniere, sondern darin, dass der Funktionierende Mensch bleibe – was besagen will, dass er nicht von seiner Arbeitsfunktion eingegrenzt ist, sondern fähig bleibt, die Welt als Ganzes in den Blick zu bekommen und hierin sich selber zu verwirklichen als ein auf das Ganze des Seins angelegtes Wesen.“

Das Leben ist so viel mehr als funktionieren und schuften optimieren und Termine; dieser ganze Wahnsinn, der unsere kostbare Zeit im Klo runterspült.

Wir brauchen mehr Muße, Baby.

 

Siehe auch Ein bedeutsames Leben braucht keine Karriere und Weniger besitzen ist gut. Weniger wollen ist besser. Sowie das eingangs erwähnte Zitat, das auf den Punkt bringt, warum unsere Gesellschaft so kaputt ist.

 

Photo: Craig Dennis   | Inspiriert von: BrainPickings