Text von: Christina Fischer

Es ist der Hype unserer Zeit. Das „Must-Have“. Die „It-Bag“ unter den Emotionen: Die Selbstliebe. Gerade in der Social-Media-Welt ist längst ein Wettbewerb entbrannt: Wer liebt sich am meisten? Wer bietet mehr? Die Lifestyle-Bloggerin, die ihr fotogen arrangiertes Oatmeal (sowas wie Haferbrei) nebst einer Cappuccino-Tasse mit künstlerisch gezwirbelter Crema präsentiert? Oder der aufstrebende Jungunternehmer, der mit seinen „Bros“ im Anzug teure Drinks in die Kamera hält?

Mal gönnen können

Ja, wir gönnen uns was. Man soll sich ja auch gönnen können, hört man oft. Wir können uns vegan ernähren, die Welt bereisen, uns Designerklamotten schenken lassen (wenn wir einen Fashion-Blog mit viel Reichweite haben) und in hippen Restaurants essen, wo das Essen  schon instagramreif serviert wird. Es ist somit doch eigentlich unsere Pflicht, uns selbst zu lieben und das Ganze so richtig zu genießen.

Erst gestern schrieb mir eine Travel-Bloggerin unaufgefordert, sie habe einfach ihren Job gekündigt, sei nun auf Weltreise und liebe jetzt endlich sich und ihr Leben. Seit sie sich dafür entschieden habe, lösten sich alle ihre Probleme wie durch Zauberhand. Und wenn ich wolle, könne ich von ihr lernen, wie das geht („Es ist ganz leicht!“).

Ich frage mich nur: Wenn das mit der Selbstliebe doch angeblich so leicht ist, warum fällt sie mir oft so schwer? Reicht es wirklich aus, sich „einfach“ für die Selbstliebe zu entscheiden und alle Probleme lösen sich von selbst?

Das (vermeintliche) Allheilmittel: Selbstliebe

„Du musst dich erst mal selbst lieben, bevor jemand anderes Dich lieben kann“ – man hört es oft und es ist wie ein Schlag in den Magen. Nicht nur, dass man sich selbst noch nicht genug liebt, nicht mal andere können einen in diesem kümmerlichen Zustand lieben. Deprimierend, oder? Nicht unbedingt. Denn es gibt viele Wege, die zur Selbstliebe führen können, auch ohne sich auf diese Art unter Druck zu setzen. Und nur weil etwas wiederum wie Selbstliebe aussieht, muss es nicht zwangsläufig Selbstliebe sein. Oft verwechseln wir Selbstliebe sogar mit Selbstsucht.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm schrieb in seinem Aufsatz „Selbstliebe und Selbstsucht“: „Selbstsucht und Selbstliebe sind weit davon entfernt identisch zu sein; in Wirklichkeit sind sie Gegensätze.“ Selbstsucht sei „eine Art Gier“ und wurzle in „einem Mangel an Liebe zu sich selbst“. Echte Selbstliebe jedoch sei wie eine „innere Sicherheit, die es nur aufgrund echter Liebe und Bejahung gibt“.

Klingt auf jeden Fall erstrebenswert, ist aber selten so richtig einfach. Glücklicherweise gibt es jedoch Hilfen, die die Sache leichter machen können. Hier sind acht meiner Favoriten – Dinge, die Menschen mit viel Selbstliebe anders machen.

1. Sei gut zu Dir (auch wenn es anstrengend wird)

Ich wünschte, ich könnte Dir sagen: Verwöhn’ Dich einfach ein bisschen und schon liebst Du Dich. Bei mir funktioniert das jedenfalls nicht. Ich habe schon Selbstliebe-Rituale zelebriert, Stunden mit Meeralgen-Gesichtsmaske in der duftenden Wanne gelegen und habe mich danach trotzdem nicht mehr geliebt als vorher.  Der Ratschlag „Sei gut zu Dir“ ist dennoch nicht falsch. Wir verwechseln ihn nur gern mit „Tu, was bequem für Dich ist“.

Aber gut zu mir sein bedeutet auch, dass ich das tue, was meinem Körper und meiner Seele wirklich gut tut: Gesünder essen, mich mehr bewegen, meditieren statt auf die Facebook-Timeline starren. Es ist ein bisschen so, wie eine Art Mutterrolle zu übernehmen. Eine Mutter weiß, was gut für Dich ist (also im Idealfall) und behandelt Dich gut, weil sie dich liebt (im Idealfall). Das gefällt Dir zwar nicht immer („Och nöö, Mutti!“),  aber auf lange Sicht wirst Du es zu schätzen wissen.

2. Erforsche Deine Gedanken (junger Padawan)

Meister Yoda wusste es bereits: Nur weil wir etwas denken, heißt das nicht, dass es auch wahr ist. Unsere Gedanken können uns ziemlich leicht auf die dunkle Seite der (Ohn) Macht ziehen. Oft glauben wir unseren Gedanken viel zu bereitwillig – vor allem denen, die uns klein machen und uns von der Selbstliebe fern halten.

Da wäre etwa der Klassiker „Ich bin nicht gut genug“ mit all seinen Spielarten. Leider denken wir solche Gedanken oft unbewusst – bevor uns klar wird, was wir denken, haben wir es schon geglaubt. Hier hilft einmal mehr Achtsamkeit. Halte ab und zu inne und höre in Dich hinein. Beobachte Deine Gedanken. Und mache Dir immer wieder bewusst: Nur, weil Du etwas denkst, muss es nicht zwangsläufig auch wahr sein.

3. Vergib Dir

Eine stete Quelle der Selbstzerfleischung sind verschiedene „Vergehen“, die wir uns einfach nicht verzeihen können, weil sie, so glauben wir, Beweis für unsere Unzulänglichkeit sind. Auch wenn schon längst keiner mehr darüber redet – wir vergessen niemals und bestrafen uns regelmäßig dafür. Mir wird beispielsweise noch immer heiß und kalt, wenn ich daran denke, wie mir in der siebten Klasse beim beherzten Sprung über einen Zaun meine Hose riss – ein Vorfall, den meine Klassenkameraden von damals höchstwahrscheinlich längst vergessen haben. Genau so wie ich deren Patzer von damals vergessen habe.

Wir könnten uns also fragen: „Wie würde ich reagieren, wenn es jemand anderem passiert wäre?“ In der Regel würden wir die Sache wohl gar nicht so schlimm finden und relativ bald zu den Akten legen. Warum also verhalten wir uns nicht auch so gegen uns selbst?

4. Sei realistisch

Im Ernst: Die Lifestylebloggerin kredenzt sich nicht jeden Morgen ihr perfekt angerichtetes Oatmeal im Bett. Die Instagrammerin findet sich nicht jeden Tag schön genug für ein Selfie auf ihrem Channel und der Travel-Typ kann auch nicht jeden Tag unter einer Palme sitzen. Wohl niemand steht immer nur auf der Sonnenseite des Lebens – also sollten wir das auch nicht von uns erwarten.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mir am liebsten die Zunge abbeißen würde, weil ein Witz daneben ging, in denen mir nichts gelingen will, in denen ich mir selbst auf die Nerven gehe. Nur weil Dir etwas misslingt, heißt das aber nicht, dass Du nicht trotzdem mehr als genug Gründe hast, Dich zu lieben – eben mit allen Ecken und Kanten.

5. Hänge deine Selbstliebe nicht an das Urteil anderer

Bewertungen gehören zu unserem Alltag. Wir geben uns Likes auf Facebook, wir gehen zu Castings oder schauen zu, wir tindern, als wollten wir ständig von anderen wissen: „Was bin ich wert?“ Dabei gibt es nichts Subjektiveres als die Meinung anderer. Dita van Teese sagte: „Du kannst der reifste, saftigste Pfirsich auf der Welt sein, aber es wird immer jemanden geben, der keine Pfirsiche mag.“

6. Tu’ etwas, das dich begeistert

So simpel wie genial: Tu’ etwas, das du liebst, einfach nur, weil du es liebst. Die Rede ist von dieser einen Sache, die dich gleichzeitig elektrisiert, dir Angst macht und dich zum Grinsen bringt. Spiel’ Theater, spring’ mit nem Fallschirm aus einem Flugzeug, melde dich zu einem Ehrenamt oder mach einen Nähkurs, ganz egal. Trau’ Dich einfach und genieße das Gefühl, etwas nur für Dich zu tun, das Du Dir von Herzen wünschst. Und nein, Du musst nicht gleich „aus Deiner Leidenschaft ein Business machen“.

7. Ein Kompliment pro Tag

Kleine Sache, große Wirkung: Mache Dir (mindestens) ein Kompliment pro Tag und schreib’ es auf. Jede Kleinigkeit zählt. Hattest Du heute ein gutes Händchen bei der Klamottenwahl? Hast Du einen Konflikt lösen können? Hast Du jemandem eine Freude bereitet? Schreib’ alles auf und bewahre das Geschriebene zum Nachlesen auf, falls Du mal wieder auf „die dunkle Seite der (Ohn)Macht“ abdriftest.

8. Stehe für Dich ein

Es wird immer wieder Situationen geben, in denen uns übel mitgespielt wird. Unser Chef behandelt uns unfair, ein Kollege pflaumt uns an oder sonst wer hat es einfach auf uns abgesehen. Wie leicht wäre es, den Kopf hängen zu lassen, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen und den Frust zu schlucken. Fast nichts killt die Selbstliebe jedoch mehr, als anderen zu erlauben, auf uns herumzutrampeln. Was hätten wir aber zu verlieren, wenn wir den Kopf oben behielten und uns für uns selbst stark machten? Eigentlich nichts. Oder wie Charlie Chaplin schrieb:

„Wir brauchen uns nicht weiter
vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen
mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen
manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: Das ist das Leben!“

Für mehr tiefe, dauerhafte Selbstliebe siehe das myMONK-Buch helfen: Selbstwertgefühl – Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst. Siehe auch: 7 Unterschiede zwischen Selbstliebe und Selbstsucht.

Photo: Mateus Lunardi Dutra