|26. Mai 2012 17:06

Minimalismus / Einfacher leben

Minimalismus heißt: einfacher leben, heißt: weniger brauchen, weniger arbeiten müssen, mehr Zeit haben für Dinge, die einem wirklich wichtig sind. Zum Leben zum Beispiel, zur Muße, zum Nichtstun. Für einen ausgiebigen Spaziergang, regelmäßige entspannte Treffen mit Freunden, gute Bücher, das Ausleben von Leidenschaften.

Minimalismus heißt auch: einen Fick zu geben auf das allgemein anerkannte Streben nach mehr Geld, steilen Karrieren, permanentem „Netzwerken“, der größeren Karre, dem Maledivenurlaub, dem Kauf einer Malediveninsel oder gleich aller Inseln.

Minimalismus erfordert Mut. Wer einfacher leben will, stößt auf Mauern von Unbewusstheit und Angst, den beiden Ursachen, die dem blindem Hetzen zugrunde liegen.

Lass uns ehrlich sein. Du weißt, dass Dein Kontostand viel unwichtiger ist als die Z e i t, die Du mit dem Zusammensein mit geliebten Mitmenschen und mit Deinen Leidenschaften verbringst. Du weißt das, ich weiß das, Deine strebsamen Kollegen wissen das – oder spüren es zumindest in ihrem Herzen, in den wenigen ruhigen Minuten, die bleiben.

Minimalismus ist Befreiung. Einfacher leben heißt klassischerweise: weniger müssen. Weniger wollen, haben, arbeiten, bekommen und besitzen müssen.

Der myMONK-Minimalismus

Für andere heißt Minimalismus, jeden Tag etwas wegzuwerfen, das sie nicht mehr brauchen, oder insgesamt nur eine bestimmte Anzahl von Dingen zu besitzen. Die Dinge zu minimieren.

Für mich heißt Minimalismus: Die Pflichten zu minimieren. Ich minimiere meine Termine, ich minimiere den Zwang, irgendwann irgendwo sein zu müssen.

Im Schnitt habe ich jede Woche:

  • eine Handvoll Telefontermine
  • ¼ Arztbesuche

Andere Verpflichtungen kommen natürlich hinzu, sind aber weitestgehend unabhängig von Tagen, Uhrzeiten und Orten. Ich muss den Müll herunterbringen, einkaufen gehen, ein bisschen aufräumen, und Dinge tun, die mein Einkommen sichern (die ich aber nicht als Arbeit im fremdbestimmten Sinne auffasse).

Wie viele Gegenstände dabei um mich herum existieren, ist für mich zweitrangig. Ob ich 15 Handtücher / Teller / Pullover besitze oder 5, ist mir eher gleich. Meine Freiheit drückt sich nicht in begrenztem Besitz aus. Meine Freiheit drückt sich in Zeit aus, über die ich allein bestimme, in Stunden und Tagen, in denen ich hier oder dort sein, dies oder jenes früher oder später tun kann. 

Dinge wegwerfen kann fast jeder. Nicht, dass es nichts bringen würde, wer verzichten lernt, lernt auch, dass er vieles von dem ganzen Müll gar nicht braucht und sich daher auch nicht für noch mehr Müll noch mehr abstrampeln muss. Nur: die echte Befreiung ist etwas anderes. Die echte Befreiung geschieht nicht im Kleiderschrank, nicht in den Küchenschubladen, nicht im Keller, nicht im Haben oder Nichthaben. Die echte Befreiung geschieht im Leben und in unserem Inneren, im Kleiderschrank und Keller alter Gedanken, Gefühle und Verpflichtungen.

Dies sind die wirklichen Lasten auf unseren Schultern, das Schwierige und das Schwere. Eine nackte Wohnung befreit ein bisschen, ein nackter Terminkalender jedoch deutlich mehr. Der nackte Terminkalender schafft Platz für das, was wirklich zählt: Z e i t.

Das ist doch unrealistisch! Und was macht man dann überhaupt den ganzen Tag?

Die verbleibende Zeit verbringe ich größtenteils mit Leidenschaften und Vergnügungen.

Und hier kommt der vermutlich zweitschwierigste Part des Ganzen (der schwierigste ist der Austritt aus der herkömmlich angestellt oder freiberuflich arbeitenden Gesellschaft). Möglich ist diese Art des einfacheren Lebens natürlich nur dann, wenn wir unser Überleben sicherstellen können. Und zwar so, dass das Geldverdienen weder Selbstzweck, noch Mittel zum Zweck ist, sondern eine natürliche Folge.

Dafür müssen wir unsere Leidenschaften und mögliche Einkommensströme zusammenbringen. Sonst ist man schnell auch nur ein hetzender Freelancer, der sich vom hetzenden Angestellten einzig darin unterscheidet, dass er an Krankheits- und Urlaubstagen nichts einnimmt.

Liebt ihr die Arbeit, so ist es keine mehr. Dann ist es eine Leidenschaft, vielleicht eine Mission.

Mein Minimalismus zeigt sich auch im folgenden Punkt: morgen sehe ich die Sache mit dem Minimalismus vielleicht teilweise oder ganz anders als heute. Ich verpflichte mich nur auf wenigen Gebieten zu einer festen Meinung.

 

 

Photo: Jens Karlsson



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7 Kommentare

  • Gefällt mir sehr gut :-) Viele Dinge wegschmeißen, wenn sie nicht schon völlig unbrauchbar sind, ist sowieso eher blöd. Wenn schon dann vielleicht eher verschenken an andere, die sich drüber freuen.

  • Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, den Tag mit Leidenschaften und Vergnügen zu verbringen. Viele von uns haben im Verlauf ihres (Berufs-)Lebens die Bindung zu sich selbst und die Kenntnis, was ihnen eigentlich Freude und Erfüllung gibt, verloren.

    Zeit ist vergleichsweise unwichtig, wenn ich betrachte, wie ich diese verbringe. Wenn mein Abend vor dem Fernseher endet und ich DSDS, Top-Model und Harald Schmidt schaue, bis ich ins Bett gehe und meinen nächsten Tag wieder zwischen Büro und TV vergeude, dann hilft auch eine Kündigung nichts.

    Sarra hat einen wunderbaren Artikel über das Reisen geschrieben, in dem es darum geht, zu sich selbst zu finden. Auch ohne sich aus dem gewohnten Alltagsleben komplett herauszuziehen kann man so vergleichsweise “sicher” mehr über sich selbst herausfinden: http://www.yoganonymous.com/the-naked-traveler/

    Ich bin davon überzeugt, dass Erwerbsarbeit und ein erfülltes Leben sich einander nicht ausschließen. Häufig wird auf “Selbsthilfeseiten” (ich hoffe, du fast diesen Begriff nicht negativ auf, mir fiel nur kein besserer ein) propagiert, man solle aus der Tretmühle des Angestelltenverhältnisses ausbrechen und selbstständig tätig werden, schon würde alles gut. (Dass die meisten, die dies vorschlagen, ihr Geld damit verdienen, anderen zu sagen, wie sie aus dem Trott entkommen ist für mich schon ein Zeichen, dass dieser Weg nicht sonderlich nachhaltig sein muss).

  • Hi Stephan,

    vielen Dank für Deinen Kommentar – dem ich in vielen Punkten zustimmen kann (und bereits im Vorfeld, also während des Schreibens des Artikels, zuzustimmen versucht habe).

    Was die Erwerbsarbeit angeht, bin ich persönlich allerdings wirklich kein großer Fan davon, aber ebensowenig bin ich es jedoch – wie geschrieben – vom blinden Kündigen und anschließend freiberuflichen Weiterhetzen oder beschäftigungslos vorm Fernseher zu hängen. Letztlich gehört dieser Artikel für mich zusammen mit diesem hier: http://mymonk.de/hart-arbeiten-weich-leben/).

    Das Angestelltentum und Erfüllung schließen sich auch aus meiner Sicht nicht aus, nur gehen sie nach meinen eigenen Erfahrungen und nach denen, die ich von anderen so kenne, leider viel zu selten einher.

    Der Kernpunkt ist für mich persönlich aber, was den Minimalismus und “einfacher leben” angeht: die Anzahl von Dingen, die man besitzt oder nicht besitzt, ist weit weniger wichtig als die Anzahl von Stunden, die man mit Leidenschaften (also einem talent-, freude-, und liebesbasierten Geldverdienen) sowie mit Muße verbringt.

    Ob man Termine mag oder nicht ist Geschmackssache, das hängt letztlich auch stark von der Art der eigenen Leidenschaften ab. Wichtig ist aus meiner Sicht, die Lebenszeit freizuschaufeln von Verpflichtungen, bei denen man spürt, dass sie einem nichts bedeuten oder sogar überwiegend nerven / belasten.

    Das gibt uns vor allem nicht nur die Zeit, uns selbst zu finden, sondern auch die Zeit, uns selbst zu verwirklichen. Und die Selbstverwirklichung ist nun mal nicht minder wichtig.

    Selbstfindung und Selbstverwirklichung gehören zusammen.

  • Schöner Artikel. Ich Stimme den meisten Punkten auch zu. Wir machen uns hauptsächlich zur Arbeitssklaven, weil uns materielle Dinge wichtig sind. Dinge die wir nicht wirklich zum Leben brauchen.

    Jedoch hört der Minimalismus zu einem gewissen Punkt da auf wo Verantwortung beginnt. Z.B der Existenzsicherung der eigenen Familie

  • Hi Ralf, vielen Dank für Deine Worte.

    Mit dem Punkt Verantwortung hast Du absolut recht.

    Was die eigene Familie angeht, muss jedoch nicht nur die wirtschaftliche Existenz gesichert werden, sondern auch die “seelische”. Unglückliche Eltern mit Konten, die die Banken glücklich machen, sind für die Kinder vermutlich weniger präsent, können zwar mehr Geld, aber weniger von sich, weniger Aufmerksamkeit, weniger Liebe geben, wenn sie von einer Arbeit aufgefressen werden, die ihnen nicht nur Zeit, sondern auch überwiegend Kraft raubt. Auch hier haben Väter und Mütter aus meiner Sicht die Verantwortung, aufgetankt und lebendig zu sein.

    Ich bin ebenfalls überhaupt kein Freund vom planlosen Kündigen, von Radikalschlägen.

    Langfristig macht es für mich nur einfach mehr Sinn, energiesaugende Zeitfresser als irgendwelche Dinge wegzuwerfen, wenn man “Minimalist” sein möchte.

  • Minimalismus for life!
    Schöner Artikel. Wie so oft. :)

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