Es folgt ein Gastbeitrag von Karl Allmer.

 

Viel wurde über Meditation schon geschrieben. Man wird ausgeglichener, sozial kompetenter, konzentrierter, achtsamer und manchen soll es gar schon gelungen sein, in der Luft zu schweben. Oder habe ich davon nur geträumt? Egal, auf jeden Fall bringt Meditation vielen Menschen Erleichterung, Entspannung und Klarheit. Doch warum haben dann noch nicht alle zum Meditieren begonnen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin jedoch der Meinung, dass es nicht immer die große Meditation sein muss, die zu Entspannung, Konzentration und Achtsamkeit führt. Es gibt ein paar interessante Alternativen, mittels derer Achtsamkeit und Körperbewusstsein trainiert werden können, um damit das gegenwärtige Erleben zu schärfen. Und genau diese möchte ich jetzt vorstellen.

1. Butterbrot genießen

Es gab Zeiten in meiner Kindheit, da wurde das Nachmittags-Brot von mir zur Zeremonie erhoben – nichts und niemand konnte mich davon abhalten. Ich hätte alles stehen und liegen gelassen für diese einfache, aber köstliche Mahlzeit. Es gab keine Ablenkung, kein Fernsehen und das Smartphone war auch noch nicht erfunden. Eine festbestimmte Zeit des Tages war dafür bestimmt, sich am Nachmittag dem Brot zu widmen – es war für mich eine Belohnung. Und schon die Vorfreude darauf versüßte mir den Nachmittag. Doch was war so speziell daran? Ich habe mir immer einen bestimmten Platz gesucht. Im Sommer war das die Treppe vor dem Haus. Ich setzte ich mich hin und widmete mich nur dem Butterbrot. Keine Störung wurde geduldet. Alles was war, war das Brot und der Genuss. Und genau das mache ich auch heute noch. Die Nachmittags Butterbrot Zeremonie ist meine persönliche Meditation.

(Siehe: Wie man Achtsamkeit mit einem Stück Brot genießen kann)

2. Ameisen beobachten

„Tiere und kleine Kinder sind der Spiegel der Natur.“ dies sagte einst Epikur. Und genau an diesen weisen Spruch fühle ich mich erinnert, als mein 2-jähriger Sohn Matteo „Hallo Ameise!“ sagt, und voll erfreut die kleine Entdeckung, die er gerade gemacht hat, begrüßt. Mit faszinierten Kinderaugen beugt er sich hinunter und beobachtet einfach nur. Und er beobachtet einfach weiter, wie sich die Ameise ihren Weg zwischen Gehsteig und Wiese entlangschlängelt. Alles andere ist in diesem Moment für ihn völlig unbedeutend und nichtig. Im Hier und Jetzt erfreut er sich nur an der Ameise und dem Wunder der Natur. Und ich stehe daneben und erfreue mich über die kleine Entdeckung des Tages. Genauso sollte es sein – unabhängig von Raum und Zeit durch den Tag schlendern und sich an den Kleinigkeiten der Natur erfreuen. Natürlich musst Du nicht warten bis Dir eine Ameise in der Natur über den Weg läuft, eine Kakerlake im Bad tut es auch.

3. Schwungvoll fliegen

Und wenn wir schon von Kinder und Kindheit sprechen, dann darf eine Achtsamkeitsübung aus der Kindheit nicht fehlen: schwungvoll fliegen. Gehe dazu auf einen Spielplatz. Setze Dich auf eine Schaukel. Schaukle vorerst mit geöffneten Augen, bis Du Schwung hast. Schließe dann die Augen und konzentriere Dich auf den Rhythmus der Auf- und Abbewegung. Versuche mit den Beinen neuen Schwung zu holen. Spür, wie sich Deine Körperhaltung und Atmung verändert. Genieße das rhythmische Gefühl, das Dir suggeriert, Du würdest fliegen.

4. Sternenhimmel studieren

Die Nacht kehrt ein und die Sterne erscheinen am Horizont. Blicke hoch und erfreue Dich des Anblicks. Was für ein Gefühl der Ruhe und Zeitlosigkeit. Ist dies nicht die beste Variante, um einen anstrengenden Tag gemütlich ausklingen zu lassen?

5. Drauf pfeifen

Wenn die Dinge gerade wieder etwas stressig, anstrengend oder einfach nur nervig sind, hast du Dich schon einmal sagen hören: „Jetzt pfeif ich drauf?“  Und genau das solltest Du einmal machen. Und zwar nicht im symbolischen Sinne. Nein, fange einfach an zu pfeifen. So lange, bis Du wieder Ruhe in Deinem Körper und Deinem Kopf spürst. Denn wer pfeift, der denkt nicht, und durch das Pfeifen entstehen in unserem Körper Vibrationen, die den Körper beruhigen.

6. Grashalm spüren

Gehe am besten früh morgens, wenn noch der Tau auf der Wiese liegt, raus. Ziehe Deine Schuhe aus, schließe die Augen und gehe einige Schritte vorwärts. Spüre wie die Erde, das Gras unter Deinen Füßen nachgibt. Es entsteht ein Fußabdruck. Versuche zuerst die Ferse und dann die Zehen vollständig auf die Erde zu drücken. Spüre jeden einzelnen Grashalm, wie er nachgibt und wie Du Deine Spuren in der Erde hinterlässt. Für hartgesottene funktioniert dieselbe Übung natürlich auch im Schnee.

7. Nichtstun

Diese kleine Übung ist für den durchschnittlichen Homo Ökonomicus sicher die schwierigste – Nichtstun. Dies ist der Moment, wenn Du alles liegen und stehen lässt, ohne dass Du einer Aktivität nachgehst. Der Moment, wenn Dich jemand fragt: „Was machst Du gerade?“, und du antwortest: „Ich mache nichts!“ Aber warum ist dieses Nichts so wichtig? Ohne Nichtstun fehlt dem Ich ein entscheidender Faktor: Entspannung. Nicht nur die Italiener wissen über die Wirkung des süßen Nichtstuns – Dolcefaniente – bestens Bescheid.

Jetzt denkst Du das Nichts bekomme ich leicht hin, worin liegt denn da die Schwierigkeit? Und – wann hattest Du das letzte Mal Zeit für Nichts? Gönne Dir eine bewusste Portion Nichts, ähnlich der Meditation. Aber Vorsicht, stelle keine zu großen Erwartungen daran, denn das Nichts stellt auch keine Erwartungen an Dich. Es gibt keine Regeln außer Nichtstun. Es geht nur darum Frau und Herr seiner eigenen Zeit zu werden. Beginne mit 15 Minuten Nichtstun. Ohne Ablenkung und Aktivität – Nichts, weder Medien, noch eine Zigarette und schon gar keine körperliche Aktivität. Suche Dir ein gemütliches Plätzchen und dann zeige der Zeit, wo der Hammer hängt. Schlage sie Tod. Lass sie in den Gulli rinnen. Und Du wirst merken, wie lange 15 Minuten sein können.

Egal, welche Übung Du machst, im Grunde gehen sich auch alle sieben am Tag aus, Du wirst wieder mehr Klarheit in Dein Leben bekommen und Dein Leben läuft einen Schritt entspannter.

Und was meinst Du dazu? Kennst Du noch andere kleine Achtsamkeit- und Entspannungsübungen für den Alltag?

 

ippAutor: Karl Allmer

Karl Allmer ist Autor, Blogger und Student der Lebenskunst. Er schreibt über die Kunst, das Leben zu genießen. Auf seinem Blog Lebenskünstler erfährst Du, wie Du Deinen persönlichen Weg der Lebenskunst findest, dem Druck des Alltags entkommst und mehr Gelassenheit und Heiterkeit in Dein Leben bringen kannst.

Photo (oben): edro Ribeiro Simões