|27. Dezember 2012 12:50

Männer, die auf Stechuhren starren


 

Cassady erzählte ihm von der in den 1970er Jahren gegründeten Spezialeinheit der New Earth Army der US Army, deren Mitglieder sich „Jedi“ nennen und die zusammen mit ihrem Ausbilder Bill Django parapsychologische Kampftechniken entwickelt und eingeübt haben sollen, unter anderem Fernwahrnehmung, Unsichtbarkeit, durch Wände zu laufen oder mit bloßen Blicken Tiere zu töten.
- Auszug aus Wikipedia über die Handlung des Films „Männer, die auf Ziegen starren“

Es gibt ein paar auserwählte Männer, die können auf Ziegen starren sodass diese umfallen. Und dann gibt es viele Männer, sehr viele, die auf Stechuhren starren, den größten Teil des Tages darauf warten, dass endlich die wenigen freien Stunden nach der Arbeit beginnen. Der Kampf Mann gegen Stechuhr nimmt dabei ein anderes Ende als der von Mann gegen Ziege. Die Ziegen fallen um, die Stechuhren nicht. Mit jeder Minute, die der Mann auf die Uhr starrt, wird der Mann selbst immer ohnmächtiger. Das ist es, was wir in Tausenden von Büros sehen. Kräftige Männer werden zu gelähmten Starrern, werden zu Opfern von Uhrzeigern, die sich viel zu langsam zu bewegen scheinen.

Ich selbst war einer dieser Männer. In drei von vier Studentenjobs und einem von einem Vollzeitjobs nach dem Studium. Am schlimmsten war’s im Call Center, da verging eine Minute wie … ach was, sie verging einfach ums Verrecken nicht. Dicht gefolgt vom Studentenjob in einer Art Verwaltung, gefolgt vom Studentenjob in einer Internetagentur, gefolgt von meiner letzten Tätigkeit als angestellter Unternehmensberater. Die Uhr hatte sich bei all diesen Zeiten in Büros gegen mich verschworen, mal mehr, mal weniger bösartig. So fühlte ich. Letztlich hatte ich mich doch selbst in diese Lage gebracht. Anstatt das zu tun, was ich liebe, tat ich das, was im CV gut ankommen könnte. Das, was man halt so macht. Das, was mich machte, und zwar fertig. 

Es ist an der Zeit. An Deiner Zeit, nicht an der der Stechuhr.

Wir wurden ausgebildet, korrekte Entscheidungen zu treffen. Jemand kommt auf Dich zu und fragt: Da vorne ist eine Weggabelung, gehen wir links oder rechts? Du sagst: Wir gehen rechts.“  – Einfach so, zack zack? – „Ja, einfach so, zack zack.“  – Aber wir stehen hier seit ner halben Stunde, was ist daran zack zack? *

Noch mehr, als dass die Ziegen am Ende wieder aufstehen mögen, wünsche ich mir, dass die Männer es tun, die heute mein damaliges Schicksal mit mir teilen. Vom Bürostuhl, dessen bequeme Rückenlehne längst zur Fessel geworden ist. Ich wünsche mir, dass sie ihre Jacke nehmen, aufstehen, das Gebäude verlassen (vielleicht ja einfach an der Stechuhr vorbeilaufend, an der man jegliche Pausen- und Klozeiten angeben muss) und an der freien Luft spazieren gehen und sich dabei fragen:

Was bedeutet mir wirklich etwas?
Was liebe ich so sehr, dass ich es am liebsten täglich tun und davon leben können würde?
Wie will ich die Welt verändern – und sei es auch "nur" im Kleinen?

Womöglich braucht es mehrere dieser Spaziergänge. Doch irgendwann sind die Antworten klar. Und dann gilt es, Mann zu sein und eine Entscheidung zu treffen. Dann gilt es, entweder weiter Sklave der Stechuhr zu sein oder ein Wahnsinniger, der etwas Bestimmtes wahnsinnig gern tut, schreiben, malen, konstruieren, reisen, singen, tanzen, Ziegen hypnotisieren (bitte nicht umbringen), und der sein Leben um diese Liebe herum aufbaut.

Angriff, notfalls erst einmal aus der Deckung

„Wir nutzen visuelle Ästhetik, um den Feind außersinnlich zu entmutigen. So, dass er gar nicht auf die Idee kommt, anzugreifen.“ – Wie meinen Sie das? – „Okay, sie wählen einen von denen aus und stellen Blickkontakt her und dann fangen sie an. Ganz monoton: mmmhh … nein … ich werde nicht angreifen … dann entspannen Sie ihren Körper und Ihre Stimme. Dann reißen Sie ihm einfach ein Auge raus oder Sie nehmen einen Bleistift und jagen ihm das Ding in den Hals. Das ist eine klassische außersinnliche Abschreckung.“

Sind die Antworten klar, kann der – unblutige, aber dennoch harte – Kampf beginnen gegen die Dogmen, die Neinsager, die Pessimisten, die Standards, das längst überkommene Sicherheitsdenken. Notfalls erst einmal aus der Deckung.

Sicher muss einiges vorbereitet werden für das neue Leben in Freiheit, Lebendigkeit und Leidenschaft. Anstatt stundenlang auf die Uhr zu schauen, kann man dann noch im aktuellen Angestelltenverhältnis daran arbeiten, die notwendigen Dinge in die Wege zu leiten, einen Businessplan oder eine Website zu erstellen, erste Aufträge zu akquirieren und so weiter. Das mag unethisch gegenüber dem Arbeitgeber sein, aber es ist auch nicht unethischer als jahrelang größtenteils tatenlos herumzusitzen und abzuwarten.

Man sitzt also noch im selben Bürostuhl, sticht dieselbe Stechuhr … aber man setzt dabei bereits Stein für Stein ein Fundament unter das Luftschloss.  

Dem Traum folgen, nicht der Angst

„Als wir losrannten dachte ich, das ist genau das, was ich wollte. Ich war auf einer Mission. Auch, wenn ich nicht genau wusste, wobei es darum ging. Aber ich hörte wieder den kleinen Mann in meinem Kopf. Er kreischte wie ein schreckhaftes Mädchen.“

Spätestens kurz bevor es so richtig losgeht, schlagen scheinbar zwei Herzen in einem: das eine mit dem großen Traum, das andere mit der großen Angst und den Zweifeln.

Das ist kein Zeichen und erst recht kein Beweis dafür, dass man von dem Vorhaben absehen sollte. Ganz im Gegenteil. Je größer und wichtiger Dein Traum ist, umso mehr wird man von einer Macht in Versuchung geführt, schon von vornherein aufzugeben. Mehr über diese Macht, den sogenannten „Widerstand“ unter Warum Du nie das Buch geschrieben oder das Unternehmen gegründet hast, von dem Du so lange träumst.

Jeder hat die Wahl. Entweder weiterhin auf eine Stechuhr zu starren, oder trotz Urangst starr in See zu stechen für das Abenteuer seines Lebens.

 

* Zitate aus: Männer, die auf Ziegen starren

** Political-Correctness-Disclaimer: Gilt natürlich auch alles für Frauen, wobei ich nicht weiß, inwiefern sich ihre parapsychologischen Fähigkeiten wie das Umfallenlassen von Ziegen von denen der Männer unterscheiden. Das wird einfach nie thematisiert in den von mir so geliebten Frauenzeitschriften mit den revolutionären Kohlsuppendiäten und so weiter.
 

 

Photo: Esben Emborg

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