Dieser buddhistische Begriff wird meist mit der neuen Wortschöpfung „Leerheit“ übersetzt, oder manchmal schlicht mit „Leere“. Tatsächlich wäre die eigentliche Bedeutung eher mit dem Wort „Fülle“ oder „unbegrenzte Möglichkeit“ getroffen.

Acharya Tenpa Gyaltsen, der von 1997 bis 2003 im buddhistische Zentrum Teksum Tashi Chöling in Hamburg Altona lebte, erklärte dieses Missverständnis als ein Problem der Übersetzung, bzw. der kulturellen Unterschiede. Wenn man einem Tibeter, Inder oder Japaner einen geschlossenen Kreis zeigt, und sie fragt, was sie sehen, sagen sie „Alles“. Zeigt man ihn einem „Westler“, also einem Europäer oder Nordamerikaner, sagt dieser „Null“. Das genaue Gegenteil.

Außerdem machte Lama Tenpa folgende Beobachtung: Wenn er im Westen das Wort „emptiness“ oder „Leerheit“ verwendete, fielen die Gesichter. Alle schauten recht gequält drein, der Begriff hat offensichtlich negative Assoziationen, so wie ein leeres Haus, ein leeres Portemonnaie, ein leeres Herz. Die Zuhörer hatten Bilder vom leeren Raum, ein schwarzes, kaltes Vakuum ohne Leben und Atmosphäre.

Wenn man hingegen in den östlichen Sprachen „Shunyata“ (Sanskrit) oder „tongpanyi“ (tibetisch) sagt, dann lächeln die asiatischen Zuhörer. Sie empfinden ein Gefühl von Weite, Unbeschwertheit, Freiheit von Grenzen und Festlegungen. Dies ist die wirkliche Bedeutung von Shunyata. Tarthang Tulku, ein bekannter tibetischer Lehrer in den USA, verwendet in seinen Übersetzungen häufig das Wort „Offenheit“. Dies trifft es aber auch nur in einigen Zusammenhängen.

Am besten kann man sich an ein Verständnis der Leerheit durch die Kontemplation der Vergänglichkeit oder Unbeständigkeit annähern. Nichts ist ewig, alles ist im ständigen Wandel. Aber auch diese Kontemplation wird oft falsch verstanden und ist negativ besetzt. Man denkt nur an Tod, Zerstörung, Verlust. Dabei ist alles Entstehen, aller Wandel zum Besseren auch nur aufgrund von Vergänglichkeit möglich. „Yes we can“ bezieht sich doch auch auf den Wandel zum Besseren.

Wenn wir depressiv sind, familiäre oder berufliche Sorgen haben, leiden wir oft unverhältnismäßig, weil wir das Gefühl haben, dass die Situation unabänderlich ist, dass wir fest stecken. Ein richtiges Verständnis von Leerheit und Vergänglichkeit kann hier innerlich Raum schaffen, durch den wir psychisch gelassen bleiben und auch eher die Chance zur positiven Veränderung wahrnehmen und ergreifen können.

Ein weiterer Begriff, der das Verständnis von Sunyata erleichtert, ist Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit, das von dem vietnamesischen Lehrer Tich Nath Hanh „Inter-Sein“ genannt wird. Nichts existiert aus sich selbst heraus, sondern alle Menschen, Lebewesen, Gegenstände und Naturerscheinungen bilden ein Netz aus Ursachen und Bedingungen. In einem Blatt Papier erkennen wir den Baum, der das Holz für die Papierherstellung lieferte, den Samen, den Regen und die Sonne, die diesen Baum wachsen ließen, die Holzfäller, Arbeiter im Sägewerk, in der Papierfabrik, dem Laden, der Druckerei…. all diese Menschen haben ihre eigenen Lebensbedingungen, Eltern denen sie ihre Existenz verdanken und Kinder, die von ihnen abhängig sind.

Dieses Heft, dass Sie gerade in Ihren Händen halten, besteht also aus dem Papier, mit all diesen Eigenschaften, sowie den verschiedenen Autoren, Herausgebern, den Menschen, die das Heftchen austragen und auslegen. So viele Hände, und Herzen, durch die es gegangen ist – und dann wiederum so viele Hände und Herzen, in die es gelangt und wiederum Samen sät, die zu Bäumen heranwachsen können, Bäumen der Fülle, der Möglichkeiten, der Veränderung.

Text von Hanna Hündorf, www.kiel.samye.org , Facebook, Tel. 0431 26096650, zuerst erschienen im Printmagazin „Impulse“. Herzlichen Dank für die Unterstützung!

 

Photo: Alosh Bennett