Ein Mann war auf der Flucht von einem Tiger. Er lief, was das Zeug hielt, kam aber plötzlich an einen Abgrund, in den er auch gestürzt wäre, hätte er sich nicht noch im letzten Moment an einer Baumwurzel festhalten können.

Als er da so zwischen Himmel und Erde hing, erblickte er in der Tiefe des Abgrunds einen weiteren Tiger, der mit blutrünstigen Blicken auf sein Opfer lauerte. Sein Leben war also verwirkt.

Er sah keine Rettung. Abwechselnd schaute er von oben nach unten, von unten nach oben, schließlich auch nach der Seite. Da hing doch in Reichweite eine große, rote, reife Erdbeere. Trotz seiner Todesangst griff er mit der freien Hand danach und labte sich an dem köstlichen Aroma der Waldesfrucht. Noch nie hatte er so hingegeben etwas auf der Zunge zerdrückt – noch nie war er je so in der Gegenwart, hatt sich selbst und seine Angst vergessen. Ein Blitz am Himmel – und er erlangte die große Befreiung.

Gefunden bei: Jürgen Götz

Geht auch ohne Tiger, Abgrund und Blitz (auch wenn’s dann deutlich schwieriger ist).

 

Photo: aussiegall