Harriet Oerkwitz kennt die besondere Bedeutung der Stille. Sie ist Literatur-, Sprach- und Musikwissenschaftlerin und arbeitet auch als PR- und Werbetexterin. Welche Rolle die lautlosen Momente in der Musik und im Leben spielen, darüber spricht Harriet im myMONK-Interview.

Hallo Harriet, magst Du Dich kurz vorstellen?

Ich arbeite und lebe mit Tönen, Klängen, Schwingungen, mit Sprache und der Stille:

Mein Fundament bilden meine Projekte als PR- und Werbetexterin, klassisch durch die Konzipierung von Foldern, Internetauftritten, Geschäftsberichten und Katalogen. Häufig geht diesem Handwerk eine umfangreiche Beratung voraus. Jedes Unternehmen betrachte ich als Organismus mit seinem dehnbaren Formen der internen und externen Kommunikation.

Um Begegnungen, Kooperationen und das Ausloten unterschiedlicher Kommunikationswege geht es auch in meinem Online-Magazin „Konzert der Stille“, – den Reichtum verschiedener Werkzeuge und Methoden einladend. Hier verwebe ich meine Fähigkeiten als Fachjournalistin, Literatur-, Sprach- und Musikwissenschaftlerin. In den Beiträgen schreibe ich rund um das Leben, Arbeiten und Heilen mit Musik im Spannungsfeld von Wissenschaft und Spiritualität. Einen großen Stellenwert nimmt die Reflektion über Stille ein. Dies sind die Themen, die mich im Herzen berühren und bewegen. Sie bündeln meine Erfahrungen und mein Erleben meines Musiktherapie-Studiums und bilden die Grundlage für meine Veranstaltungen „Essen in Stille“, meine Pilgernächte,  „Raum der Stille“ und „Konzert der Stille“. Hier bin ich zuhause.

Betritt man Deine Website, so begegnet man gleich einem Ausspruch von Dir: „ Stille ist der Urgrund unseres Seins. Aus ihr fließt alles Leben. Ihr Geheimnis – tief verborgen und offenbar: Stille ist in uns. Stille ist. Stille.“ Wann hast Du Dich in dieser lauten Welt das erste Mal intensiver mit Stille auseinandergesetzt?

Stille schlich sich als Ahnung, als eine Sehnsucht nach Ruhe und Erholung, an. Ich trenne meine Arbeits- und Lebenszeit nicht, kenne die Struktur eines Acht-Stunden-Arbeitstages nicht. Ich studiere und lerne gern, verliebe mich grundsätzlich in die Projekte meiner Kunden, ich reise viel und bin ständig in Bewegung (Marathon, Wandern, Radfahren). Das gesunde Maß all dieser Leidenschaften und Beschäftigungen musste ich für mich erspüren lernen. Das gelang mir zunächst nicht; ich erschöpfte mich, und mein Körper forderte Stille für sich ein.

Nach dem heilenden Aspekt der Stille lernte ich bald ihre Raumqualität zu schätzen: Stille als Geburtshelfer für Ideen. In die Tiefe der Stille hineinlauschen ermöglicht mir, Impulse zu empfangen und aus ihnen meinen persönlichen Ausdruck – künstlerisch oder auch ganz pragmatisch – zu ergründen und zu tönen.

Was passiert in der Musik zwischen den Tönen?

Neben der Ruhe, dem leiblichen Aspekt der Stille, und dem Schweigen, dem sprachlichen Aspekt der Stille, sind Pausen der musikalische Aspekt der Stille.

Was hören wir in der Stille? Hören wir alle das Gleiche? Was spüren und erleben wir in musikalischen Pausen? Womit assoziieren wir Stille?

Auch wenn in ihnen kein akustisches Ereignis stattfindet, verfolgen Pausen in der Musik eine Absicht. Sie tragen Sinn, verweisen auf etwas und sind von ebenso großer Bedeutung wie die klingenden Noten des Musikstücks.

Entscheidend ist stets der Kontext, in dem die musikalischen Pausen notiert sind: Ohne diesen Struktur gebenden Zusammenhang lassen sich Pausen nicht untersuchen. Was empfindet die Pauke bis zu ihrem Schlag? Wie halten Orchestermusiker ihre innere Spannung bis zu ihrem nächsten Einsatz? Schweigt eine Stimme oder baut das gesamte Ensemble einen dramatischen Bogen bis zur Generalpause auf? Symbolisiert die Pause im Libretti etwas Unsagbares, Unaussprechliches, Unbegreifliches in der Operngeschichte? Wofür steht Stille? Oder wogegen?

Auch vor der Musik machen Pausen einen Sinn: Stille dient hier der Konzentration und erhöht die Aufmerksamkeit – die des Musikers und die des Zuhörers gleichermaßen. Ankommen, innehalten, an unserer Mitte orientieren und unseren eigenen Impulsen folgen. Was empfangen wir? Wohin führen unsere Spontaneität und Kreativität? Stille schafft Raum. Sie ist Nährboden für Musik, Sprache, Bewegung.

Das Ausklingen und -schwingen von Musik bis zur endgültigen Stille hat einen besonderen emotionalen Gehalt. Harmonie, Geborgenheit, Schönheit oder Entladung, Katharsis, Abschied: Die Ruhe nach der Musik ist geprägt von ganz unterschiedlichen Klängen und Stimmungen.

Was wir in den Pausen in der Musik tatsächlich hören, ist von unserer Aufmerksamkeit, die wir Stille schenken, und unseren Erfahrungen und Hörgewohnheiten abhängig. Stille in der Musik ist also relativ: Sie wird von äußeren, akustischen Gegebenheiten und von innerliches Sinnenempfinden und -erleben geprägt.

Was ist ein „Konzert der Stille“?

„Konzert der Stille“ ist in erster Linie der Name meines Online-Magazins, in zweiter Linie der Titel für einen Meditations- und musikalischen Improvisationsabend. In angeleiteten Meditationen richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das akustische Erleben: Wie erfahren wir Nähe und Stille, wenn auch die Gefühle und Gedanken in uns verstummen? Wie pflege und putze ich meinen individuellen Ton im harmonischen Schwingen und Rauschen der Welt? Wo finde ich Stille in meinem Alltag?

Ausgehend von Klängen und Geräuschen, die uns alltäglich umgeben, begeben wir uns auf Klangreisen – mit einfachen Klangerzeugern, unserem Körper oder unserer Stimme – und erfinden uns in einem selbst gestalteten, klanglichen Prozess: Wir lauschen und reflektieren über Klänge und Geräusche unserer Umgebung, imaginieren über Naturphänomene und finden zu einem Ensemble aus Leichtigkeit, Spiel, Überraschung und Freude. Aus der Stille heraus schöpfen wir Klangeindrücke. Erkennen wir uns darin neu? Was entdecken wir mit uns?

Musikalische Zitate und Erlebnisse berichten von der Bedeutung der Pausen in der Musik und von dem paradoxen Erlebnis aus Klang versus Stille.

Kann Musik heilen? Wenn ja, welche Musik heilt besonders gut?

Musik dient als Ersatz oder als Ergänzung zur Sprache. Sie berührt, sie wirkt emotionalisierend, ordnend, strukturierend. Sie gibt Halt, regt an oder entspannt, motiviert zu Bewegung und zu Kreativität. Die Leistung der Musik besteht darin, dass Singen und Musizieren innere Bilder und Gefühle wecken, Erinnerungen auslösen und Heilprozesse abbilden können. Auch hier gilt: Das Erleben von Musik ist subjektiv.

Musiktherapie hilft, sich mit der Krankheit persönlich auseinander zu setzen und den ganz individuellen Heilungsprozess zu entwickeln. Mein gesunder Körper ist Ausdruck meiner Lebenskunst und mein Gesundsein ist eine lebenslange Übung. Musik schafft Begegnung unmittelbar im Herzen und erinnert mich stets daran, selbstverantwortlich zu denken, zu fühlen und zu handeln.

Was hast Du in Deiner Arbeit mit Existenzgründern über erfolgreiches Unternehmertum gelernt – was unterscheidet Deiner Erfahrung nach diejenigen, die „es packen“ von denen, die ihr Vorhaben schnell wieder begraben müssen?

Hingabe und Mut gepaart mit dem Wissen um das eigenen Vermögen und die eigene, höchst persönliche Wahrheit. Ich träume von einer Welt,  in der wir alle Menschen genau das tun lassen, was ihrer Gabe und ihrer Herzensfreude entsprechen, was sie antreibt, sie brennen lässt. Das setzt voraus, dass jeder sich soweit (an-)er-kennt und in diese Antworten – so wie es Rilke vorschlägt – offen und beherzt hineinwächst.

Du bist auch PR-Beraterin. Kann heute „stille PR“ bzw. „stilles Marketing“ noch etwas anrichten, wo doch alles um uns herum so knallbunt und nackt schreit? Was empfiehlst Du Neu-Selbstständigen, die auf sich aufmerksam machen wollen?

Ich nehme Stille als reaktiven Trend wahr. Mit der Zunahme des allgemeinen Rauschens unserer Welt nimmt auch die Notwendigkeit der Stille kontinuierlich zu. Wir können es auch Ruhe, Entspannung, Wellness nennen. Ich nutze diese Entwicklung, um meine Mitmenschen dazu einzuladen, sich achtsam und aufmerksam den Themen Sensibilisierung, Selbstwahrnehmung, Rückanbindung an das Herz und an die Natur, Selbstverantwortung, Selbstfürsorge, Bewusstsein usw. zu öffnen.

Ein wichtiger Punkt ist das Schulen im Umgang mit Paradoxien: Klang versus Stille. Mir geht es um die liebevolle Umarmung von Polaritäten. Ob ich meine Projekte dann aber tatsächlich „stille PR“ oder „stilles Marketing“ nennen würde? Vielmehr verstehe ich diesen leiseren, achtsameren Umgang mit Medien als „bewusstere PR“ und „bewussteres Marketing“.

Das Konzert der Stille als Online-Plattform oder als Marktplatz für Termine, Veranstaltungen und Musik-Besprechungen u.v.m. ist ausdrücklich nicht kommerziell – es ist mein Geschenk an die Welt. Mein Ziel ist es, langfristig tragende Kooperationen zu bauen und zu pflegen, durch die reiche, zwischenmenschliche Begegnungen möglich sind und alternative Modelle für den Wertausgleich diskutiert werden.

Wo können die Leser mehr über Dich und das „Konzert der Stille“ erfahren?

Neben meinen Beiträgen auf dem Konzert der Stille versendet ich unregelmäßig regelmäßig einen Newsletter, der hier abonniert werden kann. Ich schreibe Gastbeiträge zum Thema Stille, halte Vorträge und lade zu Veranstaltungen und Seminaren ein.

Hier die Links:

Konzert der Stille
Raum der Stille
Essen in Stille

Herzlichen Dank!