Den Handabdruck des Partners im Gesicht, vielleicht sogar den der Faust. Den Abdruck unzähliger Respektlosigkeiten und Verletzungen auf der Seele, jedes Fremdgehen, jede Lüge wie mit einem Brandeisen darauf verewigt.

Oder: Die Liebe inzwischen nicht mehr als ein einzelnes kleines Korn Erinnerung in einem ganzen verwelkten Feld, grau und trüb und ohne Hoffnung, nur noch Schweigen oder Graben- und Stellungskämpfe um nichts.

Und trotzdem zusammenbleiben, seit Jahren, seit hundert leeren Versprechen, dass alles besser werden würde, dass es „schon wieder wird“, „man sich zusammenrauft“, „man an der Beziehung arbeitet“ oder der Partner an sich.

Warum?

Warum fällt es uns manchmal so schwer, zu gehen, obwohl zu bleiben das Falsche ist?

Hier zehn Gründe, warum wir in kaputten Beziehungen bleiben:

  1. Angst vor der Einsamkeit. Studien zufolge der häufigste Grund. Man hat niemanden, zu dem man könnte, wenn die Tür hinter einem ins Schloss fiele, und statt sich von Gott und der Welt verlassen zu fühlen, verlässt man lieber noch sich selbst, indem man bleibt. Nur: Wir können auch inmitten einer Party verdammt einsam sein, genauso wie in einer Beziehung oder ihren Trümmern. Gleichermaßen können wir uns allein erfüllt und verbunden fühlen, wenn wir es wagen.
  2. Abhängigkeit. Der Partner bringt das Geld nachhause. Auf eigenen Füßen stehen? Unvorstellbar. Vielleicht wegen des Lebensstandards, der in Wahrheit weder Leben noch Standard bedeutet, weil der Preis dafür gigantisch ist, es uns unterirdisch schlecht geht. Vielleicht auch, weil schon ein nacktes Überleben wirklich hart wäre (muss ich dann in den Nachmittags-Gerichtsshows mitspielen, um mich über Wasser zu halten?). Auch die Kultur spielt eine Rolle. Haben wir gelernt und verinnerlicht, dass Geschiedene in die Hölle kommen, müssen wir nicht nur den Partner, sondern das eigene Weltbild hinter uns lassen. Und womöglich auch noch unser gesamtes Umfeld, wenn uns dieses verstößt.
  3. Man glaubt, es sei normal, oder man hätte es nicht besser verdient. Betrifft vor allem Menschen, die in einem Umfeld aufwachsen mussten, in dem Gewalt und/oder Lieblosigkeit ein Grundrauschen erzeugten, das noch heute wie ein Tinnitus jeden Schritt begleitet. Manchmal entsteht dieser Glaube jedoch erst in einer Beziehung, wenn das Selbstbewusstsein in den Keller geprügelt wurde durch den Partner, sein Verhalten, seine Anschuldigungen und Gemeinheiten.
  4. Elternschaft. Das Kind soll doch in geordneten Verhältnissen aufwachsen, denken wir, und rechtfertigen damit viel zu viel. Denn eigentlich soll das Kind vor allem in liebevollen Verhältnissen aufwachsen, und für die gibt’s nach einer Trennung oft viel mehr Raum. Manche Eltern ziehen dieses Argument immer noch aus dem Hut, wenn das Kind schon vierzig. Und andere fürchten vor allem, durch eine Trennung würde ihnen das Kind weggenommen werden (was zugegeben leider passieren kann).
  5. Hoffnung. Diesmal wird er sich ändern! Bald wird alles anders! Nie wieder wird sie’s im Ehebett mit dem Rohrverleger Roland treiben, sie hat’s versprochen. Nie wieder wird er heimlich unterm Tisch eindeutige SMS an seine Sekretärin schreiben, während wir am Jahrestag in unserem Lieblings-Restaurant sitzen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Mitunter tanzt sie sinnlos auf dem Grab einer Beziehung, deren Fleisch längst verrottet ist. Besonders ziehen sich kaputte Beziehungen dann in die Länge, wenn die Tragödie für kleine Toillettenpausen unterbrochen wird, es also vermeintliche Inseln im Meer aus Mist gibt, in denen der Partner uns etwa mit Aufmerksamkeit und Entschuldigungen überhäuft. Dadurch kann ein suchtähnlicher Kreislauf aus Anspannung und Entspannung entstehen. Wir investieren dann all unsere Energie der Hoffnung und dem Warten auf die nächste Dosis … statt uns dem Entzug zu widmen.
  6. Hoffnungslosigkeit und Abspaltung. Dr. Wendy Walsh, Autorin von „Why Good People Stay in Bad Relationships“, schreibt: Wenn ein Partner Angst vorm Alleinsein hat und glaubt, auf dem Single-Marktplatz chancenlos zu sein, stellt er sich zum einen immer wieder vor, er würde sich in der aktuellen Beziehung okay fühlen, und zum anderen, wie unendlich viel schlechter er sich allein fühlen würde. Er unterschätzt sein jetziges Unglück (zum Teil ist dies die Folge von Traumata, die einen vom eigenen Gefühlsleben abkoppeln) und überschätzt das Unglück nach einer Trennung. Umso mehr, wenn der Partner ihm signalisiert hat: „Dich nimmt doch kein anderer!“ oder „Niemand wird Dich je so lieben wie ich!“ Später dann, wenn der Absprung geschafft ist, sieht man in der Regel klar, wie weit beides von der Realität entfernt war. Dazu müssen wir uns jedoch etwas Zeit geben – viele Menschen empfinden nach dem Schritt in die Trennung Reue und gehen zurück, dabei hätten sie nur noch etwas Zeit gebraucht, die Reue ist eine übliche, aber vorübergehende Erscheinung.
  7. Kognitive Dissonanz. Je länger wir ein falsches Leben leben, umso größer der innere Druck, dieses als richtig hinzudrehen, es vor uns selbst zu rechtfertigen, weil wir sonst die Spannung nicht aushalten würden zwischen dem, was ist, und dem, was wir eigentlich für richtig halten. Damit verbunden ist das Phänomen der „versunkenen Kosten“. Wir glauben, nach so viel investierter Zeit und Kraft nicht einfach gehen zu können, weil dann alles umsonst war. Tatsächlich aber sollten diese Investitionen keine Rolle für unsere Entscheidung spielen, sie sind vergangen, so oder so. Als Scheinargument kann uns dabei dienen: „Ich bin doch schon so alt, die letzten Jahre oder Jahrzehnte geht’s auch so noch“ … aber nein, jeder einzelne Tag im Unglück ist verschwendet. Egal, wie alt man ist. Wir können immer neu anfangen.
  8. Verwechslung von Liebe mit etwas anderem. Ab und an verwechseln wir Nähe mit Gewohnheit. Und Liebe mit anderen Gefühlen, Hauptsache sie sind stark. „Nur wenn wir uns streiten, fühle ich mich nah“, denken wir dann vielleicht. In diesen Momenten spüren wir wieder etwas, wo sonst Öde herrscht … aber Liebe ist es nicht.
  9. Die Verantwortung bei sich suchen. „Es liegt an nur mir“ denken. Zum Beispiel, um sich nicht so ausgeliefert zu fühlen, vom Leben wie vom Partner betrogen um kostbare Jahre, die so gut hätten sein können. So suchen wir nach unserem Beitrag, und wenn wir ihn nicht finden, erfinden wir ihn eben. Kann immer noch leichter zu ertragen sein als die Einsicht, dass man einfach Pech hatte und nichts tun kann, um die Partnerschaft zu retten.
  10. Schuldgefühle. „Ich kann ihn doch nicht im Stich lassen, er tut mir so leid“ Oder: „Sie braucht mich doch, ohne mich ist sie am Ende.“  Die Wahrheit ist: Wir schaden dem Anderen mehr als ihm zu helfen, wenn wir nur aus Mitleid bleiben. Wir nehmen ihm die Gelegenheit, seinen Weg weiterzugehen. Das ist natürlich mal wieder leichter geschrieben als getan, vor allem dann, wenn er sichtlich verzweifelt ist oder sogar droht, sich etwas anzutun. Aber jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr („bis es ihm besser geht“ / „bis er einen Job gefunden hat“ / „bis er trocken ist“), in dem wir hinauszögern, was getan werden muss, macht es noch schwieriger. Für alle. Auch deshalb, weil der Partner die Distanz spürt und sein Selbstwertgefühl darunter leidet. Die Trennung kann mit einer Paartherapie begleitet werden, wenn wir uns allein überfordert fühlen.

Den Grund zu kennen löst nicht alle Probleme, nicht mal unbedingt sofort den Knoten, der uns an die kaputte Beziehung bindet, ist aber ein guter Anfang zum Beenden.

 

 Siehe auch: 10 Anzeichen, dass Du Deine Beziehung beenden solltest.

 

Photo: Daniel Zedda