Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.
– Aldous Huxley

Ich war acht Jahre alt und saß in einem Bettkasten. Mitten am Tag. Es war dunkel darin, und der Platz reichte gerade so. Ich saß freiwillig darin. Mit meiner Taschenlampe und der Ausgabe des Lustigen Taschenbuchs, in der Donald Duck erstmals zu Phantomias wurde, einer Art Enten-Batman. Nicht irgendein ein unrealistischer Enten-Superman mit Superkräften, sondern eben wie Batman, ein geheimes Doppelleben führend und seine Kräfte einzig aus der überlegenen Ausrüstung beziehend, die der große Erfinder unter den Dorfbewohnern Entenhausens, Daniel Düsentrieb, für ihn entwickelte. Das Taschenbuch steht noch heute im Bücherregal (und nein: ich kann es Dir leider nicht ausleihen!), mit ihm begann meine unbeständige Karriere als Leser.

Ach ja, die Sache mit dem Bettkasten: ich zog mich dorthin zurück, damit es nichts gab außer mir und dem Buch, das ganze Leseerlebnis war dadurch ungleich dichter.

Es folgten Jahre, in denen ich überwiegend Detektivgeschichten und Krimis las, dann Jahre voller Klassiker, dann schmökerte ich etliches über verschiedene Programmiersprachen, dann Reclam-Heftchen und anschließend Popliteratur, danach vor allem Ratgeber. Dann folgte eine riesige Pause, über fünf Jahre las ich nur selten, manchmal monatelang gar nichts, was nicht dem Studium zu tun hatte. Dann kam der Job und ich las gar nichts mehr, meine große Liebe zu Büchern versank ohne großes Geschrei im Stress.

Seit ich jedoch selbstständig bin, nehme ich mir wieder reichlich Zeit fürs Lesen. Im Bett, im Bad, im Café, im Park, tagsüber, wenn die Sonne scheint, im Prinzip mach ich es überall, echt. Bewusst, aus tausend verschiedenen Gründen.

Ohne all diese Bücher wäre ich nicht der der ich bin und hätte nicht das, was ich habe: zum Beispiel die Freiheit, im Park zu sitzen und zu lesen, tagsüber, wenn die Sonne scheint.

Die acht wichtigsten Gründe, wegen denen ich jede Woche mindestens ein Buch lese – und wie diese Gewohnheit auch Dein Leben verändern kann – kommen jetzt.

(Das meiste davon gilt für Sachbücher und Belletristik gleichermaßen, ich selbst lese meistens jeweils eins davon parallel.)

#1 Ich habe keine Freunde

Nein, das stimmt nicht. Bücher sind so viel mehr als die Tröster einsamer Katzenfrauen (wobei: ich habe ja selbst Katzen) oder pickeliger Depri-Teenies (wobei: ich war ja selbst einer).

Also noch mal von vorn.

#1 Lesen entspannt und heilt

„Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler“, sagt der Schriftsteller Philippe Djian. Recht hat er. Lesen ist Meditation und Therapie. Selten fühle ich mich so bei mir, geerdet und erfrischt wie nach ein paar Stunden vertieft in ein Buch. Abschalten und Singletasking vom Feinsten, wie es mir sonst nur selten gelingt.

Eine Studie der englischen University of Sussex aus 2009 zeigte: Lesen ist eine der effektivesten Strategien zur mentalen und körperlichen Entspannung in Zeiten, in denen das Leben zu viel von einem fordert. Bereits nach sechs Minuten schlägt das Herz langsamer und die Muskeln entspannen sich. Die Wissenschaftler empfehlen mindestens eine halbe Stunde Lesezeit am Tag für einen dauerhaft niedrigeren Stresspegel.

In einem Artikel der Fachzeitschrift „Behaviour Research and Therapy“ erfährt man von weiteren heilsamen Effekten. Psychologen aus England und den USA verordneten Patienten mit psychischen Erkrankungen zusätzlich zur bisherigen Therapie, sich über 12 Wochen mit Selbsthilfe-Büchern zu befassen, die die Psychologen zuvor ausgewählt haben. Die Genesung von klinischen Depressionen und Angsterkrankungen verlief bei diesen Patienten deutlich besser.

Vielleicht lässt ja auch Dich ein Buch viel tiefer eintauchen und abschalten als das Fernsehprogramm?

#2 Lesen macht Freude (wenn Du’s richtig machst)

Ob Lesen Freude macht hängt natürlich davon ab, welche Bücher wir in die Hand nehmen. Manche haben mir das Lesen für Wochen oder gar Monate verleidet, wenn ich dachte: hey, das muss jetzt gelesen werden, scheißegal ob’s gerade das ist, was ich wirklich schmökern möchte.

Das kennen wohl die meisten von uns noch aus der Schulzeit und dort befohlenen Klassikern wie Faust, dem ich meine gleichnamige gern verpasst hätte, oder völlig bekloppten Jugendbüchern, bei denen man der letzten Seite ums Verrecken nicht näher zu kommen scheint.

Gott sei Dank gibt’s heute keinen mehr, der uns Bücher zum Fraß vorwirft.

Mein Auswahlkriterium ist heute: habe ich Lust darauf?

Deine Wahl.

Dein Tempo. Keine Eile.

Auch die Regel „1 Buch pro Woche“ sollte man nicht in Stein meißeln, wenn man sich daran nicht die Zähne ausbeißen will. Ein dickes, wissenschaftliches Buch braucht halt mehr Zeit als ein Groschenroman, der ebenso berechtigt ist, wenn man gerade Bock drauf hat.

Wenn mich ein Buch nicht nach den ersten 50 Seiten oder so gepackt hat, dann greife ich meist zum nächsten (wenn das Geld knapp ist -> Bibliothek).

Hier geht’s schließlich nicht darum, ein weiteres To-Do auf den ewigen Aufgabenblock zu tätowieren.

#3 Lesen macht klug und stärkt das Gehirn

Dass man aus Büchern lernen kann, gigantische Menge sogar, überrascht nicht. Doch die Vorteile gehen tiefer – Bücher zu lesen verändert nachweislich das Gehirn.

Während wir in Zeitungen und im Internet von einem Artikel und einer Seite zur nächsten springen, lenken wir unsere Konzentration beim Lesen eines Buchs aktiv für längere Zeit auf eine einzige Sache. So schulen wir die Konzentrationsfähigkeit auch für andere Situationen. Außerdem können – und (je nach Lektüre) müssen wir häufiger nachdenken als etwa beim Filmeschauen – schließlich hat man dort kaum Zeit, einen Gedanken zu fassen, bevor schon wieder Bruce Willis schwer bewaffnet von rechts durch den Monitor springt.

Das ist jedoch längst nicht alles:

  • Im temporalen Kortex „überschreibt“ das Gehirn beim Lesen die bisherige Programmierung und passt sich dadurch besser an geschriebene Sprache an. Insgesamt werden die Hirnstrukturen flexibler, können schneller auf Veränderungen reagieren und Schädigungen besser ausgleichen.
  • Gleichzeitig werden die Sinne stimuliert, wodurch das Hirn Informationen immer besser aufnehmen, verarbeiten und speichern kann. Diese Effekte unterstützen nicht nur die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen, sondern lassen Demenz seltener ausbrechen bzw. langsamer fortschreiten (Nichtleser haben ein um 18% erhöhtes Risiko für Demenzerkrankungen), wie Forscher des French National Institute of Medical Research herausfanden.
  • Wer konzentriert liest aktiviert die Regionen des Hirns, die für das kritische Denken und Argumentieren sowie für die Verarbeitung von Sprache verantwortlich sind – wodurch diese mit der Zeit leistungsfähiger werden. Studenten, die gern lesen, bekommen Untersuchungen zufolge bessere Noten bei Prüfungen, die sich um das Analysieren von Texten sowie um die Diskussion von Thesen drehen.

#4 Lesen pflanzt Samen für neue Ideen

Je mehr wir lesen und damit auch wissen, umso mehr können sich auch die Neuronen im Hirn quer verbinden – die Voraussetzung für neue Ideen. Das verstärkt sich, wenn wir ab und zu auch einen Blick auf fachfremde Themen werfen. Weiterhin trainieren Bücher die Vorstellungskraft, da wir selbst Bilder aus den Worten produzieren müssen.

Bücher lassen uns durch fremde Augen schauen, lassen uns reisen und Dinge erfahren, die uns ohne sie für immer verborgen blieben. „Lesen heißt: durch fremde Hände träumen“, so der portugisische Dichter Fernando Pessoa.

#5 Lesen lässt mich besser schreiben

Aus #3 und #4 folgt: ich kann besser schreiben. Mein Sprachvermögen wird trainiert, neue Perspektiven und Vokabeln gehen auf mich über.

Fragt man Schriftsteller, was sie jemandem empfehlen, der gern das Schreiben erlernen möchte, heißt es fast immer: viel lesen!

Du bloggst und weißt nicht, worüber Du schreiben sollst?

Lies ein gutes Buch.

Du hast eine Schreibblockade?

Lies ein gutes Buch.

Allein zum Beispiel von einer Farbe oder einem Duft zu lesen triggert Vorgänge im Gehirn, es ist ein echtes Erlebnis, das dem „realen“ in nichts nachsteht und uns damit neu auflädt.

#6 Lesen lässt Träume entdecken und verwirklichen

Nicht nur durch fremde Augen lässt uns Lesen blicken, sondern auch tiefer in uns selbst hinein. „Als Axt für das zugefrorene Meer in unserem Innern“ dient es, wie Kafka schrieb, und dabei tauen auch unsere Träume auf.

Den Mut, sie zu verfolgen, gibt’s oben drauf. Zu erfahren, dass viele vor mir schon geschafft haben, was ich erreichen will, gibt mir einfach immer wieder Kraft. Zu erfahren, wie sie es geschafft haben, kostbare Hinweise für meinen eigenen Weg.

#7 Lesen macht kommunikativ und selbstbewusst

Wer Bücher liest kann besser zuhören. Seine Sinne und sein Feingefühl für Wörter und Ausdrücke sind geschulter. Er hat gelernt, sich über längere Zeit zu konzentrieren und Informationen zu behalten – etwas, das wir zwischen ununterbrochenen Klicks und Klingeln als Erwachsene zunehmend verlernen. Sich konzentrieren zu können und Dinge nicht so schnell zu vergessen wie ein Goldfisch hilft natürlich auch in Gesprächen.

Menschen, die Bücher lesen, können auch besser nachvollziehen und antworten. Sie nehmen bei jedem neuen Buch mindestens eine neue Perspektive ein, ihr Horizont verschiebt sich dabei zwangsläufig über den Tellerand hinaus. Und sie finden die passenderen Wörter, wenn sie sprechen – auch, weil sie mehr davon im Reportoire haben als Nichtleser.

Wer Bücher liest – belesen ist – hat zudem tendenziell ein höheres Selbstvertrauen. Dies gilt bereits für Kinder im Kindergarten oder der Grundschule. Allerdings klappt das nur, wenn man sich realistische Ziele setzt und nicht glaubt, man müsse die gesamte Weltliteratur bis nächsten Dienstag verschlungen haben.

#8 Lesen ist vorbildlich

Du hast Kinder und möchtest sie lieber lesen sehen als sie von den Teletubbies verblöden zu lassen?

Dann gibst Du ihnen den besten Grund, lesen lieben zu lernen, wenn Du es selbst tust.

Kleine Kinder haben übrigens eine engere Beziehung zu ihren Eltern, wenn sie mit ihnen gemeinsam laut lesen.

Ein Buch pro Woche lesen – aus Gewohnheit

Angenommen, Du würdest ein Buch in der Woche lesen

… wohin würde Dich das führen, in einigen Monaten, einem Jahr, in fünf Jahren, in zehn?

Wie viel entspannter wärst Du, wenn Du nach der Arbeit beim Lesen wirklich abschalten und abtauchen könntest, statt Dich nur vom Fernseher berieseln zu lassen? Wie viele neue Ideen und neue Themen für Gespräche hättest Du? Wie viel könntest Du lernen über Dein Fach? Wie viel besser könntest Du die Welt und die Menschen verstehen, wenn Du Dich zum Beispiel etwas mit Psychologie auseinandersetzt? Wie viel neue Ideen würdest Du haben?

Wie das geht?

Am besten, wie so oft, in kleinen Schritten. Nimm Dir ab heute für 30 Tage lang jeden Tag eine kleine Menge Lesestoff vor, jeweils eine Seite oder fünf. Wenn Du dann mehr lesen möchtest, tu das, wenn nicht, höre einfach auf nach der festgesetzten kleinen Menge an Seiten. Wähle einen festen Punkt am Tag, etwa direkt nach dem Aufstehen oder direkt, bevor Du ins Bett gehst. Ach ja, und lies etwas, auf das Du wirklich Lust hast – nichts, wozu Du Dich quälen müsstest.

Von Tag zu Tag wird Dir das Lesen mehr in Fleisch und Blut übergehen. Wenn Du mehr über Gewohnheiten lernen willst, könnte Dir das myMONK-Buch gefallen: 12 Gewohnheiten, die Dein Leben verändern.

 

Photo: Pedro Ribeiro Simões