|5. Februar 2013 09:54

Ich will Dich an meiner Seite (kein Liebesgedicht)

Ich hatte es [ein Lied aus der Jugend] als eine feurige Nummer in Erinnerung. Die Puertoricaner aber haben daraus einen monotonen Grabgesang gemacht, hohl und ohne jede Hoffnung, wie die Gesichter der Männer, die das Lied in diesem verlassenen Wrack einer Raststätte vor sich hin sangen. Es war keine richtige Band, doch ich hatte den Eindruck, dass diese Leute einen Auftritt daraus machen wollten – und ich wartete darauf, dass sie jeden Moment verstummen und einen Hut herumreichen würden. Dann würden sie ihre Gläser leeren und hintereinander still in die Nacht hinausgehen, wie eine Truppe von Clowns nach einem Tag ohne ein Lachen.

-    Hunter S. Thompson („The Rum Diary“)

Tausch’ die Puertoricaner mit Deutschen aus. Den Grabgesang mit Arbeit. Und das Wrack einer Raststätte mit einem der seelenlosen, vollverglasten, kantigen Bürogebäude.

Was Du dann siehst, ist eine Herde von Deutschen, die ihrer Arbeit mit hoffnungslosen Gesichtern nachgehen in irgendeinem gottverlassenen Büro, bis es wieder dunkel ist draußen und sie ihren Hut nehmen, vielleicht noch nebenan ein paar Drinks kippen und dann nach Hause gehen, jeder für sich, in die Nacht, die sie vom nächsten Tag im Büro trennt. 

Ihr ganzes Arbeitsleben erinnert mich an einen traurigen Grabgesang. Sie beantworten Kundenanfragen, erstellen Angebote und Präsentationen, schieben Pixel hin und her, kopieren, heften ab, meeten, leaden, leiden. Still genug, um ihr Leiden selbst nicht mehr zu hören. Still genug, um jeden auftretenden Klagelaut aus ihrer Seele schnell übertönen zu können mit Alkohol oder Koks oder Rumgeficke oder Geld oder dem Traum von mehr Geld. Genau so ging’s mir auch.

Letzte Woche war ich jedenfalls tagsüber unterwegs, ich hatte mich mit einem Freund getroffen. Da liefen sie an mir vorbei. Fünfer- bis Zehnergruppen mit Menschen in Mänteln und Anzügen, die ihren viel zu engen Stall aus kleinen Büroboxen verlassen hatten (das Gebäude einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) um eine viel zu kurze Mittagspause lang zu weiden. Sie liefen an mir vorbei, oder das, was von ihnen übrig war.

Da sehnte ich mich nach ihrem Zugehörigkeitsgefühl – zugehörig zur Firma, zugehörig zueinander – auch wenn ich eigentlich genau wusste, dass es diese Zugehörigkeit auch und erst recht nicht dort gibt, wo die berufliche Hackordnung regiert. Und trotzdem, das hat schon was, dachte ich. Ich bin nun seit 1,75 Jahren selbstständig (für die Zahl musste ich gerade in meinem Xing-Profil nachschauen …), und wenn mir eins besonders fehlt aus der Zeit davor, dann ist es dieses, wenn auch trügerische Gefühl, dazu zu gehören, in gem-einsam einem Boot zu sitzen.

Man, es fehlt mir wirklich.

Ich würde nicht wieder zurück wollen und es würde mich auch überraschen, wenn mich jemand einstellt, der von einem meiner Artikel wie 13 Gründe, niemals einen Job anzunehmen spitzkriegt. Nein, zurück will ich nicht.

Aber ich freue mich so über das, was ich zurzeit tuen darf, und ich möchte mich mit anderen zusammen freuen, die genauso empfinden, und dann würden wir singen und tanzen, wir würden alle grabsingenden Puertoricaner und grassierenden Wirtschaftsprüfer entweder mit unserer Freude anstecken und wiederbeleben oder sie in die Flucht schlagen, und dann würden anstoßen, gern auch alkoholfrei und gemeinsam und erfüllt in die Nacht gehen, lachend wie Clowns, die einen verdammt guten Job gemacht und Tag gehabt haben.

Ich will, dass es mehr und mehr und mehr von uns gibt, die frei leben und das lieben, was sie tun. Menschen, die vor Energie brennen, anstatt in Scheißjobs ausbrennen.

Ich will Dich hier sehen, auf unserer Seite. Auf der Seite derer, die frei leben und das lieben, was sie tun. Ich will das Du der Welt gibst, was Du zu geben hast. Ich will, dass Du davon leben kannst, richtig gut leben. Und dass Du bis dahin eben das Risiko eingehst, dass Du auch scheitern könntest, wenn Du Dich von der alten Herde entfernst. Ich will sehen, wie Du coachst, schreibst, fotografierst, singst, reist, heilst. Ich will, dass wir das Leben feiern und uns gegenseitig. Und nicht nur den Feierabend. Ich will, dass Du Dich traust und Deine Welt und die Welt Deiner Mitmenschen in ein neues Licht tauchst.

Soviel zu mir.

Was ist es, was DU willst? Und wie sieht der nächste Schritt dorthin für Dich aus?

Erzähl mir davon, ich brauche Dich hier und wir brauchen Dich hier.
 

 

Photo: Josep Ma. Rosell



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17 Kommentare

  • Hallo Tim,

    hier bin ich. Auch ich möchte, was du hier schreibst. Seit vielen Jahren gehe ich diesen Weg. Manchmal war er schwer und manchmal leicht. Morgens gehe ich zu einem Halbtagsjob den ich einfach nur gut finde und mittags habe ich eine Praxis um Menschen genau auf diesen Weg zu helfen. …und da ich auch der Meinung bin, dass es nicht genug von uns geben kann biete ich Ausbildungen an in denen ich alles weitergebe was ich kann und weiß. ausserdem habe ich eine Kollegin an meiner Seite mit der ich wunderbar zusammenarbeiten kann und es auch privat eine gute Freundschaft ist. Bei meinen Nächsten Schritten lasse ich mich leiten, denn wenn du mich fragen würdest was meine nächsten persönlich Wünsche sind, könnte ich keine nennen. Ich fühle mich gerade so jetzt gut.

    Liebe Grüße
    Andrea

    • Hi Andrea,

      das klingt für mich nach einer tollen Lösung! So hast Du aus dem Halbtagsjob genügend sicheres Einkommen, um auszukommen und trotzdem noch genügend Zeit, um Dich in Deiner Praxis zu engagieren.

      Ich höre da, so wie Du schreibst, auch keinerlei Handlungsbedarf heraus, wenn Du mich fragen würdest :) ).

      Liebe Grüße und weiterhin so viel Freude an allem, was Du tust!

      Tim

  • Du sprichst mir so aus der Seele! Ich bin noch nicht da, wo ich hinwill, aber auf dem besten Weg dorthin. Den Artikel mit den 13 Gründen fand ich ja auch schon so klasse.

    • Dankeschön, Andrea! Ich freue mich, dass meine Worte Dich so erreichen, und dass Du mir und myMONK etwas von Deiner Zeit schenkst! LG Tim

  • Lieber Tim,
    ich kann es gar nicht oft genug sagen: Die letzten Tropfen, die mein Fass zum Überlaufen brachten und mir den Mut gaben, mein ödes und unterbezahltes Angestelltendasein zu verlassen, waren in den letzten Monaten deine Artikel. Ich habe sie verschlungen und mir immer wieder gedacht, JA, das will ich auch!
    Und jetzt, seit einem Monat habe ich es. Natürlich habe ich mich seit zwei Jahren auf meine Selbständigkeit vorbereitet, Kurse besucht, einen kleinen Kundenstamm aufgebaut, aber der tatsächliche Schritt (bzw. Arschtritt) kam durch deine Artikel.
    Nun sitze ich auf meiner Couch, meinem Schreibtisch oder im Kaffeehaus und berate Menschen, die Probleme mit ihren Haustieren habe. Und ich bin so erfüllt von dem, was ich tue, dass ich nicht mehr auf die Uhr schaue, ja gar nicht mehr zu schauen brauche, wann denn endlich Feierabend ist – da es keine Arbeitszeit und Freizeit in dem Sinn mehr gibt, da ich endlich verschmolzen bin zum ICH.

  • Liebe Christina,

    wie schön!! Glückwunsch zu den riesigen FortSchritten, die Du da zurückgelegt hast!

    Das macht mich ehrlich gesagt auch ziemlich sehr stolz, dass ich zu den letzten Tropfen beitragen konnte. Ich glaube, Deinen Kommentar druck’ ich mir gleich mal aus.

    Vielen Dank dafür und Dir einen schönen Abend!

    Liebe Grüße und bis bald

    Tim

  • Hallo Tim,
    du hast mich mit deiner Seite dazu inspiriert bei Facebook eine neue Gruppe zu gründen die “Change – Wege zu mehr Freiheit und Glück” heißt :-) Habe dort auch schon 2 Beiträge selber geschrieben. Ich danke Dir dafür und wenn du magst bist du herzlich eingeladen Dir die Gruppe mal anzuschauen ;-) Mach weiter so.

    Viele Grüße,
    Dennis

    • Hi Dennis, cool, das freut mich!! War auch gerade schon drauf, da ich selbst auf Facebook aber nur als “Seite” unterwegs bin, kann ich mich da leider nicht beteiligen, wenn ich das richtig gesehen habe. Dankeschön und liebe Grüße, Tim

  • Hallo Tim,
    wie du ja sicher mittlerweile mitbekommen hast, bin ich ein “großer Fan” deiner Seite und besuche sie (fast) täglich. Ich finde es toll, wenn es vielen gelingt von dem zu Leben was sie zu tun lieben. Bei mir ist das aber leider nicht der Fall. Ich gehöre doch ehr zu den “mit Menschen in Mänteln und Anzügen, die ihren viel zu engen Stall aus kleinen Büroboxen verlassen hatten (das Gebäude einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) um eine viel zu kurze Mittagspause lang zu weiden” … bin ich deshalb nicht auf deiner Seite? Eine interessante Frage oder etwa nicht?
    Liebe Grüße
    Birgit

    • Liebe Birgit,

      im Geist und im Herzen sind wir längst auf einer Seite.

      Ich glaube aber, dass wir noch mehr zusammenrücken – Du und ich und alle anderen, die diesen Weg gehen – wenn wir den größten Teil der Zeit mit dem verbringen, was wir lieben, also unserer Leidenschaft folgen. Das setzt einfach noch mal große Kapazitäten frei (so erlebe ich das zumindest) und ist eben auch ein im Alltag glasklar manifestiertes Statement.

      LG

      Tim

      • Deswegen, und das möcht’ ich gern noch ergänzen: ich würde mich sehr sehr freuen, wenn auch Du einen Weg findest, Deinen beruflichen Traum zu leben.

  • Lieber Tim
    Auch ich möchte Dich wissen lassen, dass ich zu Dir gehöre….
    Bin auf deiner Seite. Auf der Seite derer, die frei leben und das lieben, was sie tun. Ich hab gerade meinen “neuen” Job nach 2 Wochen gekündigt, weil mein Denken und Handeln nicht mehr übereinstimmten. Ich dachte wie Du, handelte aber wie die Herde. Das konnte ich nicht ertragen, es hätte mich zerrissen. Ohne Sicherheitsnetz liess ich mich fallen & bin überglücklich im neuen Leben gelandet. Heute bin ich glücklich. Einfach glücklich, frei zu sein. Diese Befreiung hat etwas in mir geweckt, was in mir schlummerte. Es konnte ohne die Befreiung aber nicht hervokommen. Nur durch das Loslassen des alten Musters, konnte ich die Zuversicht und die ganzen Möglichkeiten sehen. Langsam werde ich meinen Lebensplan (welchen ich zum Glück kenne) verwiklichen. Dank deinen super Artikeln zu Downshifting & Minimalismus kann ich mich gut über Wasser halten. Du gibst mir alle Inspiration, die ich brauche, um frei zu leben und zu überleben, Danke! Es ist nicht wichtig für mich, dass ich DEN Masterplan habe, es genügt mir eine Richtung zu haben. Ich will: coachen, schreiben, malen, heilen, reisen, entdecken, andere inspirieren. Es wird sich von alleine ergeben, wo ich hingehöre. Ich will das Leben feiern und zwar tagtäglich & gemeinsam mit Dir und allen Gelichgesinnten teilen. Ich bin im neuen Licht angekommen und es ist so schön hier. Danke Tim, Danke für deine Seite und deine Liebe!
    Hoffentlich hören wir uns oft!
    Hab einenn schönen Tag und liebe Grüsse aus Zürich

    • Liebe Ina,

      dankeschön für Dein Lob und vor allem für Deinen Kommentar, und dafür, dass Du Deine Erfahrung mit den Lesern und mir teilst – freut mich, Deine Bekanntschaft zu machen! :)

      Glückwunsch zu Deiner Entscheidung und vor allem dazu, dass sie Dir offensichtlich so gut getan hat!

      // Ich dachte wie Du, handelte aber wie die Herde. Das konnte ich nicht ertragen, es hätte mich zerrissen.

      Genau so ging’s mir damals auch. Dass ich es so unheimlich bekackt und sinnlos fand, diesen Job, und für mich vor allem das Angestelltendasein überhaupt, hat mir sehr geholfen, den Schritt ins Ungewisse zu wagen.

      // Ich will: coachen, schreiben, malen, heilen, reisen, entdecken, andere inspirieren.

      Na dann sind wir ja erst recht sowas von auf einer Seite :) .

      // Hoffentlich hören wir uns oft!

      Das kann ich nur zurückgeben. Ich wünsche Dir ganz viel Freude bei Deinen nächsten Schritten, wo auch immer genau sie Dich hinführen.

      Liebe Grüße in die Schweiz

      Tim

  • Hallo Tim

    Es freut mich auch sehr, Dich kennenzulernen und ich freue mich auf einen regen Austausch mit Dir und der MyMonk-Community :-)

    Bevor ich auf deine Seite gestossen bin, hab ich mich intensiv mit den spirituellen Themen (Buddhismus, Yoga, Meditation etc.) befasst. Doch das tägliche Lesen deiner Geschichten, Sprüche und Artikel hat dazu beigetragen, dass ich die ganze Philosophie auch verinnerlich habe. Ich lebe es nun. Das ist sonst kaum zu erreichen, wenn man nur die Bücher liest und für sich alleine die die Themen verarbeitet. Es braucht eine Gemeinschaft, Gleichgesinnte, Seelenverwandte….und Texte, die einen täglich neu inspirieren. Deine schönen Artikel haben jedes Mal eine anderen Bereich von meinem Leben reflektieren lassen und ich konnte dann zum Schluss kommen, dass es nur einen einzigen richtigen Weg für mich gibt. Und der ist mein eigener. Das heisst für mich nicht, dass ich einsam werde auf meinem eigenen Weg, sondern im Gegenteil. Mich begleiten die richtigen Menschen! Ich bin dankbar für die Menschen, die ich durch diese Spiritualität kennengelernt habe & dass ich deine Community entdeckt habe :-)

    Schönen Nachmittag, hoffentlich ist es nicht so neblig bei Dir wie bei uns in Zürich…

    Liebe Grüsse
    Ina

  • Hallo Tim,
    du lebst das, was in mir brennt :-)

    Ich würde gern auch mein “bürgerliches” Leben hinter mir lassen, fühle mich an meinem Arbeitsplatz ganz oft als eine Art Fremdkörper.
    Nach reichlich prägnanten Erfahrungen in den letzten Jahren bin ich für Leben von der Stange nicht mehr wirklich geeignet. Ich will mehr und tieferes Leben, echte und wahrhaftige Menschen um mich.

    Schwierig ist allerdings, wenn man nicht nur für sich selbst Verantwortung hat, sondern auch noch für Kind(er). Außerdem ist meine Vision von dem Weg den ich gehen will auch noch nicht so plastisch, dass ich losgehen könnte.

    So sammle ich weiterhin Eindrücke, verarbeite sie und probiere ich den Spagat zwischen einem Menschen auf der Arbeit (der ganz viel von sich abschneidet) und meinem echten Wesen, das noch under construction ist, fühle mich oft fremd, zerissen, muss mich verbiegen.

    Es gibt schreckliche Momente, einsame, aber es gibt auch welche, die erfüllen und froh machen, weil es überwältigend ist, ganz bei sich zu sein.

    Liebe Grüße
    C.

    PS: Deine Beiträge im WWW sind Kleinode für mich. Sie regen meinen Geist an und nähren meine Seele.
    Vielen Dank dafür!

    • Dankeschön, das mit den Kleinoden find ich sehr schön!

      Das Fremdkörpergefühl kenn ich gut, C.. Für “das Leben von der Stange” sind die wenigsten Menschen geeignet, schätze ich, aber wir lernen nun mal, uns von der Stange zu bedienen, anstatt den eigenen Maßanzug zu schneidern.

      Nicht jeder Zeitpunkt ist aus meiner Sicht dafür geeignet, auf volles Risiko zu gehen. Aber vielleicht wird Deine Vision ja in der nächsten Zeit noch klarer, und Du kannst nebenbei und ohne gleich alles andere hinzuschmeißen, die ersten Meter gehen und schauen, wohin das alles führen könnte.

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