Ich hatte es [ein Lied aus der Jugend] als eine feurige Nummer in Erinnerung. Die Puertoricaner aber haben daraus einen monotonen Grabgesang gemacht, hohl und ohne jede Hoffnung, wie die Gesichter der Männer, die das Lied in diesem verlassenen Wrack einer Raststätte vor sich hin sangen. Es war keine richtige Band, doch ich hatte den Eindruck, dass diese Leute einen Auftritt daraus machen wollten – und ich wartete darauf, dass sie jeden Moment verstummen und einen Hut herumreichen würden. Dann würden sie ihre Gläser leeren und hintereinander still in die Nacht hinausgehen, wie eine Truppe von Clowns nach einem Tag ohne ein Lachen.

–    Hunter S. Thompson („The Rum Diary“)

Tausch’ die Puertoricaner mit Deutschen aus. Den Grabgesang mit Arbeit. Und das Wrack einer Raststätte mit einem der seelenlosen, vollverglasten, kantigen Bürogebäude.

Was Du dann siehst, ist eine Herde von Deutschen, die ihrer Arbeit mit hoffnungslosen Gesichtern nachgehen in irgendeinem gottverlassenen Büro, bis es wieder dunkel ist draußen und sie ihren Hut nehmen, vielleicht noch nebenan ein paar Drinks kippen und dann nach Hause gehen, jeder für sich, in die Nacht, die sie vom nächsten Tag im Büro trennt.

Ihr ganzes Arbeitsleben erinnert mich an einen traurigen Grabgesang. Sie beantworten Kundenanfragen, erstellen Angebote und Präsentationen, schieben Pixel hin und her, kopieren, heften ab, meeten, leaden, leiden. Still genug, um ihr Leiden selbst nicht mehr zu hören. Still genug, um jeden auftretenden Klagelaut aus ihrer Seele schnell übertönen zu können mit Alkohol oder Koks oder Rumgeficke oder Geld oder dem Traum von mehr Geld. Genau so ging’s mir auch.

Letzte Woche war ich jedenfalls tagsüber unterwegs, ich hatte mich mit einem Freund getroffen. Da liefen sie an mir vorbei. Fünfer- bis Zehnergruppen mit Menschen in Mänteln und Anzügen, die ihren viel zu engen Stall aus kleinen Büroboxen verlassen hatten (das Gebäude einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) um eine viel zu kurze Mittagspause lang zu weiden. Sie liefen an mir vorbei, oder das, was von ihnen übrig war.

Da sehnte ich mich nach ihrem Zugehörigkeitsgefühl – zugehörig zur Firma, zugehörig zueinander – auch wenn ich eigentlich genau wusste, dass es diese Zugehörigkeit auch und erst recht nicht dort gibt, wo die berufliche Hackordnung regiert. Und trotzdem, das hat schon was, dachte ich. Ich bin nun seit 1,75 Jahren selbstständig (für die Zahl musste ich gerade in meinem Xing-Profil nachschauen …), und wenn mir eins besonders fehlt aus der Zeit davor, dann ist es dieses, wenn auch trügerische Gefühl, dazu zu gehören, gem-einsam in einem Boot zu sitzen.

Man, es fehlt mir wirklich.

Ich würde nicht wieder zurück wollen und es würde mich auch überraschen, wenn mich jemand einstellt, der von einem meiner Artikel wie 13 Gründe, niemals einen Job anzunehmen spitzkriegt. Nein, zurück will ich nicht.

Aber ich freue mich so über das, was ich zurzeit tuen darf, und ich möchte mich mit anderen zusammen freuen, die genauso empfinden, und dann würden wir singen und tanzen, wir würden alle grabsingenden Puertoricaner und grassierenden Wirtschaftsprüfer entweder mit unserer Freude anstecken und wiederbeleben oder sie in die Flucht schlagen, und dann würden anstoßen, gern auch alkoholfrei und gemeinsam und erfüllt in die Nacht gehen, lachend wie Clowns, die einen verdammt guten Job gemacht und Tag gehabt haben.

Ich will, dass es mehr und mehr und mehr von uns gibt, die frei leben und das lieben, was sie tun. Menschen, die vor Energie brennen, anstatt in Scheißjobs ausbrennen.

Ich will Dich hier sehen, auf unserer Seite. Auf der Seite derer, die frei leben und das lieben, was sie tun. Ich will das Du der Welt gibst, was Du zu geben hast. Ich will, dass Du davon leben kannst, richtig gut leben. Und dass Du bis dahin eben das Risiko eingehst, dass Du auch scheitern könntest, wenn Du Dich von der alten Herde entfernst. Ich will sehen, wie Du coachst, schreibst, fotografierst, singst, reist, heilst. Ich will, dass wir das Leben feiern und uns gegenseitig. Und nicht nur den Feierabend. Ich will, dass Du Dich traust und Deine Welt und die Welt Deiner Mitmenschen in ein neues Licht tauchst.

Soviel zu mir.

Was ist es, was DU willst? Und wie sieht der nächste Schritt dorthin für Dich aus?

Erzähl mir davon, ich brauche Dich hier und wir brauchen Dich hier.

 

Photo: Josep Ma. Rosell