Es folgt ein Gastbeitrag von Thomas Geus.

Der Wunsch nach Gelassenheit keimt in mir immer wieder auf und ich stelle – leicht frustriert – fest, dass ich hier weniger ein Wissensproblem als ein Umsetzungsproblem habe. Gelassenheit ist eine erstrebenswerte Haltung: gelassen sein, die Ruhe bewahren, sich nicht aus der Fassung bringen lassen, Gemütsruhe, Besonnenheit, Beherrschtheit. Etwas willentlich lassen zu können, entspannt. So lässt es sich souverän in einer prekären Welt leben und man gewinnt etwas mehr Sicherheit in einer unsicheren Welt. Dieses Empfinden von Sicherheit macht gelassen.

Wunderbar! Es gibt ja Menschen, die scheinbar in sich Ruhen und die nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann. Wie machen die das? Ist das angeboren, anerzogen, erlernt durch tägliche Meditation, Yoga, Achtsamkeitsübungen, gelegentliche Wellness-Aufenthalte, finanzielle Unabhängigkeit, gelungene Sozialkontakte …?

Auf der Suche nach Gelassenheit

Gebe ich den Begriff „Gelassenheit“ in einer Internetsuchmaschinen, erhalte ich eine Million Treffer. Davon werde ich schier erschlagen. Hier erfahre ich, woher der Begriff Gelassenheit kommt, welche Philosophen wie über das Thema reflektiert haben und finde Übungen und Anleitungen, wie ich Gelassenheit trainieren kann.

Im Alter scheint sich Gelassenheit etwas mehr einzustellen. Vielleicht weil ich spüre, dass ich körperlich nicht mehr so fit bin und ich mich einschränken muss? Mit dem Älter-werden soll sich auch eine Altersweisheit entwickeln – bei einigen zumindest. Mit dem letzten Atemzug muss (darf) ich dann mein Leben auf dieser Erde  loslassen – und das mit Gelassenheit – wäre schon erstrebenswert. Vielleicht sollte ich alleine deshalb frühzeitig lernen, mich im Lassen zu üben. Ich sterbe ja sowieso jeden Tag ein (klein) bisschen. Wenn ich es mir so recht überlege, lasse ich ja ständig etwas los: anspannen und entspannen, einatmen und ausatmen.

Neulich habe ich gelesen:

„Das was wir ICH nennen, ist nur eine Schwingtüre, die sich bewegt, wenn wir ein und ausatmen.“
(Shunryu Suzuki, Zen-Geist Anfänger-Geist).

Also Schwingung! Doch wie kann ich „Gelassenheits-Schwingungen“ erzeugen?

Warum Gelassenheit Bewegung erfordert

Gelassenheit ist eine individuelle Wahrnehmungs- und Wirklichkeitskonstruktion, die ich aus meiner Erlebniswelt heraus definiere und erfinde. Woher weiß ich, wie sich Gelassenheit anfühlt, wenn ich nicht das Gefühl von Nicht-Gelassenheit kenne? Verbissenheit, Verbohrtheit, Verkrampfung. In dieser Welt kenne ich mich gut aus und bin deshalb auf der Suche nach Balance. Um Gelassenheit besser begreifen zu können, lohnt es sich die Komplementärbegriffe einmal genauer anzuschauen. Komplementär bezeichnet im Allgemeinen die Zusammengehörigkeit (scheinbar) widersprüchlicher, sich aber ergänzender Eigenschaften eines Sachverhalts. Das Verhältnis zweier Begriffe, die einander bedingen als auch ausschließen.

Wie könnte dieser Komplementär-Begriffe lauten? Fokussiertheit, Zielorientierung, Engagement, Durchsetzungsfähigkeit, Ernsthaftigkeit. Sind das nicht auch Fähigkeiten, die erstrebenwert sind? Ich denke schon!

Ein Radfahrer kann das Gleichgewicht nur halten, wenn er ununterbrochen (reglose) Bewegungen mit dem Lenker durchführt. Stellt man den Lenker fest, würde er sofort das Gleichgewicht verlieren und stürzen. Wir können auch nur ruhig stehen, wenn wir permanent mit unserem Körper und unseren Augen leichte Pendelbewegungen durchführen (Sakkaden). Bei einem Seiltänzer wird dieses Prinzip sehr deutlich. Wir brauchen also für das Erreichen eines stabilen Zustands eine (leichte) Instabilität.

Jede Tugend hat nur dann eine konstruktive Wirkung, wenn sie in einer dialektischen Verbindung zu ihrer Schwestertugend steht  (Werte- und Entwicklungs-Trapez nach Paul Helwig, Schulz von Thun). Ohne diese dynamische Balance verfällt die Tugend durch eine „Zuviel-des-Guten“-Übertreibung zu einer Untugend.

So kann sich „Gelassenheit“ (Toleranz, Entspanntheit, Gutmütigkeit, Besonnenheit) dann konstruktiv auswirken, wenn sie mit der Komplementär-Tugend „Durchsetzungsfähigkeit“ (persönlichen Standpunkt vertreten, Ernsthaftigkeit, Mut, Zivilcourage, Engagement, Zielorientierung) in Verbindung steht. Fehlt der Gegenpol „Durchsetzungsfähigkeit“ besteht die Gefahr, dass „Gelassenheit“ durch Vereinseitigung zu „Gleichgültigkeit“, „Laissez-faire, „L.m.a.A.-Haltung“, „Wurstigkeit“ verkommt. „Durchsetzungsfähigkeit“ wiederum rutscht ohne „Gelassenheit“ in „Verbissenheit“ (Verbohrtheit, brachiale Durchsetzung mit Gewalt, über Leichen gehen, Fanatismus, Radikalität) ab.

Schulz von Thun bringt es mit folgender Formulierung auf den Punkt:

„Wir sollten sowohl das potentielle Gute, von dem was wir verteufeln als auch das potentiell Schlechte, von dem was wir in den Himmel heben, sehen und integrieren.“

Geh´ dort hin, wo die Angst ist.

Wie kommt es nun, dass in bestimmten Situationen, in denen Gelassenheit zielführend wäre, wenn etwas zum Beispiel nicht so passiert, wie ich es erwartet haben, Druck in mir entsteht und meine alten, archaischen Muster durchbrechen. Die Hirnforschung beantwortet das so: Bei Angst werden alte Gehirnstrukturen aktiviert und lösen alte Gewohnheiten und archaischen Notfallprogramme wie Angriff, Flucht oder Erstarrung aus – also keine Gelassenheit. Früher, als wir noch Jäger und Sammler waren, konnten wir durch Angriff, Flucht oder Erstarrung unsere Ängste abbauen. Doch heute müssen wir wieder in das Büro gehen und mit dem schwierigen Kollegen oder Vorgesetzten halbwegs freundlich umgehen. Diese dauerhafte Affektkontrolle kann mittelfristig zu psychosomatischen Krankheiten führen und lässt die Sehnsucht nach Gelassenheit wachsen.

Deshalb ist es wichtig, trotz der Angst handlungsfähig zu bleiben, denn im Handeln schwindet die Angst und es entsteht Raum für Gelassenheit. Wenn ich einen Vortrag halten soll und Angst habe, dass ich die Fragen der Zuhörer nicht zufriedenstellend beantworten kann, dann bezieht sich diese Angst für mich auf ein reales Problem. Die Angst aktiviert mich, ich informiere mich zu dem Vortragsthema, um entsprechend kompetent auftreten zu können. Nun könnte ich auch die Vortagsangst umgehen und mich vor dem Vortrag drücken. Aber dann entwickelt sich allmählich eine neue Angst, nämlich dass ich das Reden vor Gruppen meide. Es ist deshalb besser ich halte den Vortag und stelle mich ihr und durchlebe die Angst. Bei Angst ist das aktive Vorgehen wichtig. Also für mich heißt das, den Vortag zu halten und im Vorfeld in kleiner Runde häufig üben. So stellt sich die Erfahrung ein, dass ich es überlebe und es längst nicht so schlimm ist, wie ich befürchtet habe. Vielleicht entwickle ich so auch etwas Gelassenheit im Hinblick auf das Reden vor Gruppen. Es geht nicht darum, angstfrei durch das Leben zu laufen (manchmal wäre das allerdings schon schön!).

Mittlerweile hat man auch nachgewiesen, dass körperliche Bewegung wie Laufen gegen leichte Ängste hilft, unser seelisches Befinden verbessert und unsere Stimmung hebt. Schon nach wenigen Wochen hat regelmäßiges Laufen von 30 Minuten einen günstigen Einfluss auf unser Selbstbild und unsere Persönlichkeit. Allein der Entschluss sich zu bewegen, bedeutet, Verantwortung für sich zu übernehmen, aktiv und selbstbestimmt zu handeln. Das hat eine positive Wirkung auf das Selbstwertgefühl. Während einige das Laufen nutzen, um in Schwung zu kommen, hilft es Menschen, die starke Unruhe verspüren, ruhiger und ausgeglichener zu werden. Beim langsamen Laufen finde ich meinen eigenen Rhythmus und muss mich nicht an das Tempo der Umwelt anpassen. Ich werde wieder zentriert und finde meine als angenehm empfunden Mitte. ich erlebe Gelassenheit. Diejenigen, die es mit dem Laufen nicht so haben, können es ja mit Tanzen versuchen. Tanzen hat erwiesenermaßen noch eine breitere Wirkung auf unser Wohlbefinden.

Wie gelingt es Dir, eine gesunde Gelassenheits-Haltung einzunehmen?

Wenn Du Lust hast, kannst Du deine persönlichen Gelassenheits-Ressourcen einschätzen und Die überlegen, welche Du stärken möchtest:

gelassenheit-uebung-thomas-geus

(Zum Herunterladen und Ausdrucken als PDF einfach auf das Bild klicken)

 

thomas geus 2Text von und herzlichen Dank an:
Thomas Geus
… ist Diplomkaufmann und Geschäftsführer der mtt consulting network GmbH in München und arbeitet als Führungs- und Prozess-Trainer, Coach und Team-Entwickler. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf den weichen Faktoren der Führung, in der Begleitung von Übergängen und der Entwicklung von kundenspezifischen Trainings-Konzepten. Ausgebildet in Transaktionsanalyse und Coaching.
www.mtt.de

Photo (oben): bark