Text von: Johanna Wagner

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates und ich schließe mich Sokrates an. Denn ich ahne, dass es im Leben um etwas ganz anderes geht, als auf alles eine Antwort zu haben. Sind wir nicht viel mehr als unsere Intelligenz, unser Fachwissen oder unsere Allgemeinbildung? Wir sind wir! Mit unserem Charakter, unseren Stärken und Schwächen. Mit unseren Beziehungen, unseren Gedanken und unseren Emotionen.

Deshalb: Wie gut kennst Du Dich eigentlich selbst? Wie nimmst Du Deine Emotionen wahr? Die, die Dich selbst betreffen und die, andere betreffend? Verstehst Du Deine Emotionen? Wie drückst Du sie aus? Und wie gehst Du mit ihnen um?

EQ als Kriterium für ein gutes Leben

All das – und noch viel mehr – basiert auf Deiner emotionalen Intelligenz. Sie ist das gewisse Etwas in jedem von uns. Wenig greifbar, aber dennoch unverkennbar vorhanden. Die emotionale Intelligenz beeinflusst zum Beispiel unser Verhalten, wie wir soziale Angelegenheiten steuern und wie wir persönliche Entscheidungen treffen. Sie vereinfacht unser Leben, weil wir uns, die anderen und viele Zusammenhänge besser verstehen können.

Dr. Travis Bradberry, Co-Autor des Bestsellers Emotional Intelligence 2.0, hat die Daten von über einer Million Menschen ausgewertet, die im Rahmen seiner Firma TalentSmart an psychologischen Tests teilgenommen haben. So konnte er die Verhaltensweisen erfassen, die einen hohen emotionalen Intelligenzquotienten (EQ) kennzeichnen.

Hier sind 10 Zeichen, dass Du schon jetzt einen hohen EQ hast.

1. Du verfügst über ein großes Vokabular, das Emotionen beschreibt

Klar, alle Personen erleben Emotionen. Und doch kann nur ein Bruchteil sie in dem Moment identifizieren, in dem sie sich vollziehen. Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz verstehen ihre Emotionen und können sie mit einem umfassenden Vokabular beschreiben.

Je spezifischer Du ein Gefühl beschreiben kannst, umso genauer weißt Du, wie Du dich fühlst, was dieses Gefühl verursachte und wie Du Dich im Folgenden bestmöglich verhältst. Dies kann irrationale Entscheidungen und kontraproduktive Aktionen verhindern.

2. Du begrüßt Veränderungen

Das Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen und Veränderungen. Nichts ist statisch, alles bewegt sich, alles verändert sich. Manches liegt in unserer Hand, manchem sind wir ausgeliefert.

Doch als emotional intelligenter Mensch bist Du flexibel und kannst Dich verschiedenen Situationen anpassen. Du hast weniger Angst vor Veränderungen, bist weniger paralysiert.

3. Du stoppst negative Selbstgespräche

Je mehr Du grübelst, umso mehr Kraft verleihst Du negativen Gedanken. Dabei sind die meisten Deiner Gedanken nur das: Gedanken, keine Fakten. Wenn es sich anfühlt, als würden manche Dinge „immer“ passieren („Immer bin ich am Ende der Idiot!“) oder „nie“ („Nie mache ich etwas richtig!“), dann versucht Dein Gehirn lediglich Bedrohungen zu erkennen. Mit einem hohen EQ unterscheidest Du Gedanken von Fakten, um Negativ-Kreisläufen zu entkommen und bewegst Dich zum Positiven hin.

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4. Du kannst den Charakter anderer einschätzen

Als emotional intelligente Person sind andere Menschen kein Mysterium für Dich. Im Gegenteil: Du hast die Fähigkeit, andere Menschen zu „lesen“, kannst erkennen, wie sie ticken und verstehen, was sie gerade durchmachen. Du siehst auch eher das, was nicht direkt an der Oberfläche liegt.

5. Du weißt, wie man Nein sagt

„Hast Du heute Zeit für mich?“, „Kannst Du diese Aufgabe noch übernehmen?“, „Kannst Du das nicht noch mal verschieben?“ – „NEIN!“.

„Nein“ ist ein kraftvolles Wort, das vielen von uns schwer über die Lippen geht. Ich selbst erwische mich auch immer wieder dabei, es zunächst allen anderen recht zu machen, ehe ich an mich denke. Vielleicht aus unbewusster Angst vor Ablehnung, vielleicht, weil ein „Ja“ so viel einfacher scheint als ein „Nein“. In letzter Zeit habe ich mir aber ganz bewusst einen Moment des Innehaltens gegönnt und überlegt: „Will ich das eigentlich wirklich?“ Und wenn die Antwort „Nein“ war, dann gab ich als Antwort ein „Nein“. Eines, das ich erklären konnte. Und das hat sich gut angefühlt, weil ich für mich Partei ergriffen habe. Das macht ja sonst keiner… Und plötzlich habe ich mich stark gefühlt, so als hätte mir ein unsichtbares Ich auf die Schulter geklopft: „Hey Johanna, das hast Du gut gemacht! Danke, dass Du an mich denkst!“ Wenngleich ein „Ja“ viel einfacher gewesen wäre, war letztlich auch das „Nein“ machbar. Denn es gibt für alles eine Lösung (und man selbst ist gar nicht so wichtig oder unentbehrlich, wie man manchmal glaubt.)

Dabei ist das Risiko – laut einer Studie der Universität von Kalifornien, San Francisco – Stress zu empfinden, oder an Burnout oder einer Depression zu erkranken umso höher, je schwerer es einer Person fällt, „Nein“ zu sagen. Als emotional intelligenter Mensch sagst Du „Nein“, wenn Du „Nein“ sagen willst und redest nicht drum herum. Du vermeidest Sätze wie „Ich glaube, da kann ich nicht“, oder „Ich bin mir nicht ganz sicher“.

6. Du kannst deine Fehler loslassen

Als emotional intelligenter Mensch distanzierst Du Dich von Deinen Fehlern, ohne sie jedoch zu vergessen. Du erinnerst Dich, aber verweilst nicht bei ihnen und bewahrst sie gerade nah genug, um aus ihnen zu lernen.

7. Du hegst keinen Groll (zumindest nicht dauerhaft)

Groll geht mit negativen Emotionen einher, welche die typische Stress-Antwort nach sich ziehen. Du musst nur an eine blöde Situation denken und schon versetzt sich dein Körper in die Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Diese sichert unser Überleben, wenn eine wirkliche Gefahr unmittelbar bevorsteht. Findet die Bedrohung jedoch nur in unseren Gedanken statt, weil sie eine längst vergangene Geschichte ist, die wir dennoch immer wieder abspulen, kann dies verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit haben.

Groll hegen bedeutet: sich am Stress festhalten. Als emotional intelligenter Mensch ist Dir dies bewusst und Du weißt, wie Du gedanklichen Ballast loslässt.

8. Du schläfst genug

Jeder weiß, wie wichtig ausreichend und guter Schlaf für das eigene Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft ist und doch gibt es so Vieles (oder manchmal nur eines: die Couch), was uns davon abhält, früh zu Bett zu gehen.

Als emotional intelligenter Mensch hat ausreichender Schlaf für Dich Priorität.

Denn während des Schlafens lädt sich unser Gehirn auf. Es verarbeitet die täglichen Erfahrungen, speichert oder verwirft sie, wodurch unsere Träume entstehen, sodass wir am nächsten Morgen fit und mit klarem Kopf aufwachen.

9. Du interessierst Dich für andere

Als emotional intelligenter Mensch interessierst Du Dich für Deine Mitmenschen, erkennst ihre Befindlichkeiten und weißt, auf diese angemessen zu reagieren. Dieses Interesse und Verständnis ist das Resultat von Empathie, das als eines der wichtigsten Kriterien von emotionaler Intelligenz gilt.

10. Du bist herrlich unperfekt

Häufig bleiben jene, die nach Vollkommenheit trachten, mit einem Gefühl des Scheiterns zurück. Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz streben nicht nach Perfektion. Sie wissen, dass diese nicht existiert. Menschen sind fehlbar.

Statt Dich ständig zu fragen, was Du hättest besser machen können, blickst Du nach vorne oder auf bereits Erreichtes.

Emotionale Intelligenz lässt sich trainieren

Ganz gleich, in wie vielen Punkten Du dich wieder findest – mit der emotionalen Intelligenz verhält es sich zum Glück wie mit vielen Dingen im Leben: Wir können sie trainieren und somit unser Leben selbst gestalten. Und: Wir müssen bei uns selbst beginnen. Wie sollten wir einen anderen verstehen, wenn wir uns selbst nicht begreifen?

Wichtig dafür ist ein achtsamer Blick nach innen. Frage Dich immer wieder, wie es Dir in den unterschiedlichsten Situationen ergeht: Was fühlst Du? Direkt nach dem Aufwachen; wenn Du den Bus verpasst; wenn Dir jemand Blumen schenkt; wenn Dich jemand zu unrecht angreift; wenn Du Deine Arbeit vollziehst; wenn Du Feierabend hast; wenn die Schlange an der Kasse endlos scheint etc. Egal wann, blicke nach innen. Kannst Du Gefühle oder Empfindungen erkennen? Und warum Du fühlst wie Du fühlst?

Schau in Dich hinein und lerne diese riesige Welt hinter den Wänden deines Körpers besser kennen. Viel zu oft nehmen wir sie gar nicht richtig wahr, weil die scheinbar alles einnehmende äußere Welt vermeintlich keinen Platz dafür lässt.

Ich glaube fest: Die äußere Welt wird umso spannender und facettenreicher, je mehr Zeit wir in unserer inneren Welt verbringen. Also, tauche ein und erfreue Dich an der Dich umgebenden Vielfalt, wenn Du wieder auftauchst.

Mehr unter Die wichtigste Regel emotional intelligenter Menschen und im myMONK-Buch für einen gelassenen Umgang mit Gefühlen.

Photo: Kenneth DM