Es wird schwierige Tage und Zeiten geben
Und Nächte voller Leiden, die nicht überstehbar scheinen
In denen man blöde flennt, beide Arme auf dem Tisch
In denen das Leben nur noch an einem Fädchen hängt;
Meine Liebe, ich spüre, wie du durch die Stadt gehst.

– Michel Houellebecq

Eifersucht ist eine Chance, sich selbst mehr kennen und lieben zu lernen. Eine höchst unangenehme, zuweilen widerliche Chance. Ein Zahnarztbesuch für das Herz – ohne Betäubung. Aber eben auch eine Chance. Doch nur dann, wenn man weiß, was wirklich hinter diesem Gefühl steckt und wie man damit umgehen kann, ohne dass das innere und äußere Leben von diesem tasmanischen Teufel in Stücke gerissen wird, schließlich kann es sowohl einen selbst als auch Beziehungen aller Art ramponieren oder völlig zerstören.

Schreibe ich Dir diese Zeilen, weil ich noch nie eifersüchtig war oder einen Trick kenne, der einen ein für alle mal von diesem Gefühl befreit? Nein. Zum (tasmanischen) Teufel, nein. Ich schreibe Dir, weil ich schon oft eifersüchtig war. Und ich schreibe Dir, weil ich inzwischen aus einigem Gelesenem und eigenen schmerzhaften Erfahrungen ein paar Dinge gelernt habe, die mich inzwischen besser (nicht perfekt) umgehen lassen mit den vermeintlichen Bedrohungen.

Apropos Bedrohung. Eifersucht kann man so definieren:

// Eifersucht: das Gefühl, eine wichtige Beziehung würde von Außen bedroht. Zum Partner, einem Freund, dem eigenen Kind, den Eltern, einem anderen Familienmitglied, einem Bekannten, Geschäftspartner, Lehrer … oder Haustier. Ohne Scheiß, auch Haustier. (Weil die Eifersucht in der Liebesbeziehung die schmerzhafteste ist, konzentrieren wir uns hier darauf.)

Wohingegen Neid bedeutet, dass man etwas begehrt, das ein anderer besitzt. Wir sind also eifersüchtig auf den, der unseren Partner anmacht. Und neidisch auf den, der den Partner hat, mit dem wir gern zusammen wären. Frauen sind einer Studie von David M. Buss aus dem Jahr 1992 nach übrigens eher eifersüchtig, wenn der Partner emotional fremdgeht oder zu gehen scheint und Männer, wenn die Partnerin sexuell fremdgeht oder fremdzugehen scheint.

Eifersucht signalisiert jedenfalls: es muss etwas anders werden. Wenn es Grund für die Eifersucht gibt, muss im Außen – in der betroffenen Beziehung – etwas anders werden. Wenn es Grund keinen gibt, im Inneren, bei den eigenen Gedanken und Gefühlen. In diesem Artikel geht es um letzteres. Darum, sich weiterzuentwickeln und eine unangebrachte, quälende Eifersucht zu überwinden.

Disclaimer: Weder bin ich Paarberater, noch Psychotherapeut. Du solltest mir also besser nichts von dem glauben, was ich schreibe und bei ernsten Problemen vielleicht einen Experten aufsuchen.

Warum Du eifersüchtig bist

Eifersucht ist die Angst vor dem Vergleich.

– Max Frisch

Eifersucht ist ein Überlebensmechanismus, den wir von den Steinzeitmenschen geerbt haben. Dieser Mechanismus diente dazu, Gefahren für die einst überlebenswichtigen Beziehungen zu erkennen bevor es zu spät ist und den Betroffenen dazu zu motivieren, etwas zu tun, um die Beziehung zu schützen.

Die Eifersucht war dabei erst einmal unabhängig davon, ob wir den Rivalen stärker fanden als uns selbst oder nicht. Der Rivale wollte uns einen wichtigen Menschen streitig machen, unsere Alarmglocken läuteten und dann gab’s was auf die Mütze. Wobei ich nicht sicher bin, ob Steinzeitmenschen schon Mützen hatten. Wenn jemand an unserem Partner herumfummelt, ist es egal, ob er ein Loser ist. Dann gilt es zu handeln.

Anders als in der Steinzeit, in der die Menschen viel stärker von einzelnen bestimmten Partnern abhängig waren, steht uns die Welt heute offen, auch die Beziehungswelt. Heute ist unser Leben nicht mehr davon abhängig, ob der Partner draußen jagd und dann zurückkommt und uns in der Höhle versorgt, in der die Frauen schon seit Stunden hungrig warten. Oder anders herum: heute ist unser Leben nicht mehr davon abhängig, ob die Frau aus der Höhle uns verlässt und damit unser gesamtes soziales Netz zusammenbricht, wir sozial ausgeschlossen sind und womöglich nie wieder eine Chance auf Sex und Fortpflanzung bekommen.

Das, wovon Max Frisch im Zitat spricht, ist eine Kombination aus Eifersucht und Neid. Heute leben wir in einer Gesellschaft permanenter Vergleiche. Hinsichtlich Karriere, Konto, Körper, Coolness und so weiter vergleichen wir uns hundert- oder tausendfach am Tag mit jedem, den wir treffen. Wir sind neidisch auf den, der mehr hat, glauben, dass er mehr wert ist als wir. Wir fühlen uns unterlegen. Und werden deswegen eifersüchtig. Wir fürchten um unsere Beziehung, fürchten, dass der „Bessere“ kommt und sie uns aus den Händen reißt.

Studien zeigen: Menschen sind umso eifersüchtiger, umso weniger stabil sie sind, in sich ruhen, kooperativ veranlagt sind, sich als wertvoll und liebenswürdig empfinden und umso mißtrauischer, ängstlicher, neurotischer, selbstkritischer und egoistischer ihre Persönlichkeit gestrickt ist. Je mehr wir glauben, leicht zu ersetzen zu sein, umso mehr neigen wir zur Eifersucht.

Die Angst, dann tatsächlich ersetzt zu werden, ist auch die Angst davor, uns selbst noch wertloser zu fühlen.

Große Eifersucht und ihre Auswüchse sind also starke Zeichen dafür, dass man sich unzulänglich und unsicher fühlt. Wie gesagt, wir konzentrieren uns hier auf eine Eifersucht, die ohne Anzeichen für Bedrohung entsteht. Es ist natürlich etwas anderes, wenn der Partner nach fremdem Parfum riecht, einen BH im Aktenkoffer hat oder permanent verliebt ins Handy schauend SMS vertickt, während wir neben ihm sitzen.

Aber selbst wenn es Beweise gibt, muss starke Eifersucht in diesen Zeiten nicht sein: wir sind heute einfach nicht mehr so überlebenswichtig abhängig von einzelnen anderen.

Im Grunde wissen dies die meisten von uns. Deswegen geben wir es auch so ungern zu, dass wir eifersüchtig sind. Vor uns selbst und anderen. Wir wandeln es daher oft in Ärger und Wut und Kontrollsucht um.

Gehört Eifersucht nicht zu jeder guten Beziehung?

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

– Franz Grillparzer

Viele Leute glauben, Eifersucht würde immer zur Liebe gehören. Wer nicht eifersüchtig ist, liebt nicht, heißt es oft. Ich schätze, das ist Quatsch – zumindest, wenn man von der Eifersucht spricht, für die es keinen objektiven Grund gibt. Solche Eifersucht schafft nichts als Leiden. „Aber“, entgegnen die Befürworter, „die Eifersucht macht aufmerksam und erhält die Beziehung“. Wenn wir uns nicht sicher sind, nutzen wir manchmal die Eifersucht, um zu prüfen, ob wir den anderen (noch) lieben.

Ich halte das für falsch.

Eifersucht ist rein egozentrisch: dem Eifersüchtigen geht es nur um sich selbst. Er wird von Mangel und Angst vor Verlust regiert, und so regiert er auch seine Beziehung mangelhaft und aus Angst.

Liebe ist das Gegenteil von Egozentrik.

Eine Beziehung braucht liebevolle Achtsamkeit und Wertschätzung, keine Eifersucht. Es ist aufrichtiger und leichter, sich aus Liebe und nicht aus Angst um den Anderen kümmern, den Anderen aus Liebe nie für selbstverständlich zu halten.
Ob mit oder ohne Eifersucht: Beziehungen enden, Ehen gehen in die Brüche. Auf Beziehungen gibt es keine Garantie. Man kann sie nicht kontrollieren. Eifersucht hat stattdessen viel mehr mit dem Eifersüchtigen zu tun als mit der Beziehung. Sie kann zerstören, oder auch der Beginn einer tiefen Auseinandersetzung mit uns selbst und der anschließenden Heilung sein.

Wie Du die Eifersucht überwinden kannst

„In der Liebe kann keiner dem anderen weh tun; für seine Gefühle ist jeder selbst verantwortlich, und wir können nicht die anderen dafür verantwortlich machen. Ich habe gelitten, als ich die Männer verlor, in die ich mich verliebt hatte. Heute bin ich davon überzeugt, dass man niemanden verlieren kann, ganz einfach weil man niemanden besitzt. Das ist die wahre Erfahrung von Freiheit: das Wichtigste auf der Welt zu haben, ohne es zu besitzen.“

– Paulo Coelho (aus: „Elf Minuten“)

Eifersucht wurzelt in Illusionen. Wir glauben, den anderen in irgendeiner Form zu besitzen, und wir glauben, es fixieren und festhalten zu müssen. Tatsächlich können wir weder jemanden besitzen, noch an etwas festhalten, das sich permanent verändert.

Mit den folgenden acht Schritten kannst Du unberechtigte Eifersucht überwinden:

  1. Eifersucht spüren, erkennen und annehmen. Wenn Du einen Ärger auf Deinen Partner verspürst – könnte dahinter Eifersucht stecken? Wie fühlt sich das an? Was passiert dabei mit Dir, in Deinem Körper? Konzentriere Dich auf das Gefühl, atme dabei tief ein und aus. Schieb es nicht weg, lass es zu, sag’ Dir selbst: „Ich bin eifersüchtig und es ist in Ordnung“.
  2. Deine Eifersucht verstehen lernen. Achtsamkeit und Akzeptanz. Warum genau bist Du eifersüchtig, was hat dieses Gefühl ausgelöst? Warum fühlst Du Dich bedroht? Gibt es vielleicht Ereignisse in Deiner Vergangenheit, die es Dir schwer machen, anderen zu vertrauen? Wie steht es um Dein Selbstvertrauen? Bist Du grundsätzlich sehr sensibel, womöglich auch manchmal zu sensibel? Betrachte Dich so liebevoll wie möglich. Mach’ Dir bewusst, dass die Eifersucht mit DIR zu tun hat. Eifersucht kann ein wertvoller Lehrmeister für Dich sein und Dich wirklich wachsen lassen, wenn Du Dich damit auseinandersetzt.
  3. Eifersucht als das sehen, was sie ist. Sich vergegenwärtigen, dass Eifersucht schützen soll, aber ein destruktives Gefühl ist, mit dem Du Dir in erster Linie Dir selbst schadest. Welche negativen Konsequenzen hat die Eifersucht auf Dein Innenleben und Deine Beziehungen? Du signalisierst Dir mit diesem Gefühl, ersetzbar zu sein. Und Du signalisierst Deinen Lieben, dass Du ihnen mißtraust, Dich unverdient über sie ärgerst, ihnen grollst, sie kontrollieren und einschränken willst. Dass Du ihnen die Veranwortung für etwas aufbürdest, das eigentlich Dein Bier ist.
  4. Neue Glaubenssätze finden. Wer glaubt, Eifersucht würde zu einer Beziehung gehören, wird sie auch nicht überwinden können. Tatsächlich ist es jedoch so: Eifersucht hat schon viele Beziehungen zerstört. Das gilt auch für andere Glaubenssätze. Welche hast Du, die Dich eifersüchtig machen? Glaubst Du, für immer allein sein zu müssen, wenn eine bestimmte Person Dich verlässt? Glaubst Du, Dein Partner wäre aktiv auf Sexbeutejagd, nur weil er einen attraktiven Menschen kurz anschaut (wir sind genetisch so gebaut, ein solcher Impuls ist normal und hat nichts zu bedeuten). Glaubst Du, die Welt ist schlecht und egoistisch und nur darauf aus, Dir einen Arschtritt zu verpassen? Siehe Von einschränkenden Glaubenssätzen befreien in 30 Minuten.
  5. Sich öffnen und entschuldigen. Wenn Du in unangemessener Eifersucht unangemessen gehandelt und Deinen Partner, Freund oder wen auch immer beschuldigt oder in anderer Form Unrecht getan hast, ist es jetzt Zeit für, ehrlich zu sein und Dich zu öffnen  und zu entschuldigen. Erkläre ihm offen, dass Du eifersüchtig warst und auch warum, und teile ihm mit, dass Du Dich selbst in der Verantwortung für Deine Gefühle siehst, und nicht ihm die Schuld gibst. Wenn es etwas gibt, dass Du Dir vom Anderen wünschen würdest, sprich auch darüber mit ihm. Ohne Vorwürfe, begründet mit Deinen Gefühlen und Bedürfnissen (siehe auch Wie man gewaltfrei kommunizieren und echtes Verständnis schaffen kann). Wenn wir offen miteinander sprechen, sehen wir oft, dass das der Andere die Situation völlig anders erlebt hat. Lass Verständnis über die Eifersucht siegen. Dafür sind in der Regel mehrere Gespräche nötig. Vereinbare gleich, dass Du eventuell später noch mal darüber reden möchtest. Solche Gespräche können eine Beziehung stärken und beiden Seiten mehr Vertrauen geben.
  6. Selbstbewusstsein stärken. Was findest Du gut an Dir? Was zeichnet Dich aus? Wofür bekommst Du Komplimente? Was hast Du schon alles geschafft? Was kannst Du gut? Dabei ist es wichtig, Dich nicht mit anderen zu vergleichen. Betrachte nur Dich allein. Gibt es außerdem etwas, das Du schon lange tun wolltest? Trau Dich, es wird Dein Selbstbewusstsein stärken. Was könntest Du tun, um Dich grundsätzlich besser zu fühlen, in Dir und mit Dir? Etwas mehr bewegen, gesünder ernähren, meditieren lernen? Kannst Du vielleicht positiver mit Dir selbst sprechen? Fühlst Du Dich verbunden mit Deiner Lebensaufgabe?
  7. Soziales Netz erweitern. Je mehr tiefe Beziehungen wir zu Mitmenschen haben, umso weniger abhängig fühlen wir uns von einem einzelnen. Gibt es Beziehungen, die Du gern ausbauen würdest? Und neue Menschen, die Du gern in Deinem Leben hättest? Wo könntest Du sie treffen und kennen lernen, zum Beispiel in einem Verein? Eigene Freunde zeigen einem, dass man sehr wohl unabhängig vom Partner existieren kann.
  8. Spirituell wachsen: Coelho’s Zitat über das Nichtbesitzenkönnen anderer Menschen wächst aus einem gestiegenen Bewusstsein. Setzen wir uns nicht nur mit der materiellen Welt aus Cash, Koks, Casting-Shows und kabelloser Datenübertragung auseinander, sondern mit dem, was darüber hinaus geht, dann können wir erkennen: wir sind alle eins. Niemand kann niemandem etwas wegnehmen. Ich persönlich bin noch nicht so weit, was das angeht. Aber ich halte es für einen guten Ansatz. Was ich schon heute weiß, ist: es gibt keine Sicherheit, außer der, die wir in uns finden. Alles andere kann vorbeigehen, das Universum schuldet uns nichts.

Die meisten von uns sind hin und wieder eifersüchtig. Wir Menschen tragen dieses Gefühl in uns. Die Frage ist, ob wir es gewinnen lassen. Ob wir zulassen, dass Eifersucht unsere Beziehungen angreift und zerstört. Dazu zum Abschluss eine kurze indianische Geschichte, die ich auf dem zentao-Blog gefunden habe:

Eines Abends erzählte ein alter Cherokee seinem Enkel über den Kampf, der in den Menschen tobt. Er sagte: „Mein Sohn, es gibt einen Kampf zwischen zwei Wölfen in jedem von uns. Einer der Wölfe ist böse. Er ist Zorn, Neid, Eifersucht, Kummer, Bedauern, Habgier, Arroganz, Selbstmitleid, Beschuldigung, Feindseligkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Lügen, falscher Stolz, Ueberheblichkeit und Egoismus. Der andere Wolf ist gut. Er ist Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Gelassenheit, Bescheidenheit,Freundlichkeit, Güte, Menschlichkeit, Grosszügigkeit, Wahrheit, Mitgefühl und Vertrauen.“ Der Enkel überlegte eine Minute und fragte dann seinen Großvater: „Und welcher Wolf gewinnt?“ Der alte Cherokee gab zur Antwort: „Derjenige, den Du fütterst.“

 

Photo: Thomas Leuthard