Was ist Selbstbewusstsein – und was hat es mit Arroganz zu tun? Warum fällt es uns oft so schwer, zu uns zu stehen – und wie können wir es dennoch schaffen? Dies und mehr im Interview mit Joachim von leben-ohne-limit.com.

Hi Joachim, vielen Dank für Deine Zeit. Was ist „Dein Weg“, wo begann er mit welchen Schmerzen und Träumen, und wo führt er Dich hin?

Vor 10 Jahren trieb ich ein wenig planlos durch das Leben. Meine Ziele und Wünsche waren eher allgemeiner Natur. Vor allem waren die Ziele nicht besonders befriedigend, wenn ich sie erreicht hatte. Irgendwann ging mir auf, dass dieses Rennen auf Dauer keine Freude bereitet.

Also richtete ich meinen Fokus mehr nach Innen. Ich begann, meine Ansichten in Frage zu stellen und immer mehr Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen.

Wohin mich der Weg führt?

Ich hoffe, einfach den Augenblick genießen zu können, so wie er ist.

Einfach zu sein.

Welche Rolle spielt Deine Website für Deinen Weg? Warum gibt es sie – und was gibt es dort für den Leser zu finden?

Lange Zeit stand für mich fest: Ich bin nicht kreativ. Deswegen versuchte ich auch gar nicht, irgendetwas in dieser Richtung zu unternehmen. Ist manchmal schon komisch, mit welchen Glaubenssätzen man sich begrenzt.

Anfang 2011 war es dann soweit. Ich schraubte meine Ansprüche herunter und riskierte, Neuland zu betreten. Insofern ist die WebSeite Leben ohne Limit ein wichtiger Schritt in meinem Leben. Ein Schritt heraus aus den eigenen Beschränkungen.

Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern Anregungen und Perspektiven anbieten. Die Möglichkeit innezuhalten und über das eigene Leben nachzudenken.

Keine schnellen und fertigen Antworten wie das Leben zu sein hat. Dabei konzentriere ich mich auf die Themen Selbstbewusstsein, Kommunikation, Achtsamkeit, Selbstorganisation und Kreativität.

In den letzten Monaten veröffentliche ich zudem verstärkt Interviews mit Autoren und Coachs. Dadurch kommt mehr Vielfalt ins Spiel und der Horizont wird breiter.

Eines der großen Themen Deiner Seite ist Selbstbewusstsein. Was ist Selbstbewusstsein?

Unser Selbstbild entscheidet in einem hohen Maße, wie wir etwas erleben und was wir uns zutrauen. Deshalb ist es so wichtig, was wir über uns denken. Von allen Urteilen, die wir im Leben fällen, ist keines so wichtig wie das, das wir über uns selbst fällen. Wenn wir uns von den eigenen Begrenzungen wie Zweifel und Wertlosigkeit befreien, brauchen wir niemandem mehr etwas zu beweisen.

Ein gesundes Selbstwertgefühl ist zudem wie ein gutes Immunsystem. Selbst wenn es uns einmal schlecht geht, kommen wir schnell wieder auf die Beine, weil wir wissen, was uns hilft.

(Wie) hängen Selbstbewusstsein und Arroganz zusammen?

Ist schon komisch, dass diese beiden Begriffe häufig zusammen genannt werden. Haben wir denn gleich Angst, uns zu wichtig zu nehmen, wenn wir unsere Fähigkeiten schätzen?

Selbstbewusstsein beinhaltet für mich, sich der eigenen Qualitäten bewusst zu werden, sowie sich anzunehmen mit all den Höhen und Tiefen. Arroganz dagegen bedeutet, sich über andere zu erheben. Das ist natürlich dumm und macht schnell einsam.

Was ist nun ein gesundes Selbstbewusstsein und wo fängt die Arroganz an?

Mir ist keine verbindliche Definition bekannt. Letztendlich darf jeder ausprobieren, was für ihn passt. Und dabei schießt man vielleicht mal über das Ziel hinaus. Aber was macht das schon. Wir sind alle auf dem Weg und geben unser Bestes.

Siehst Du viele Menschen, denen mehr Selbstbewusstsein gut tun würde? Wenn ja, woran liegt das?

Ich finde es traurig, wenn Menschen schlecht über sich reden. Zum Beispiel „Ich Idiot.“, „Ich schaffe das nie.“ oder „Mich mag sowieso niemand.“

Das sind Urteile, die stark abwerten. Natürlich macht jeder Mal Fehler und es ist wichtig, daraus zu lernen. Doch dabei geht es um Fähigkeiten, nicht um den Wert einer Person. Jeder von uns ist einzigartig und liebenswert. Das finde ich ganz wichtig. Dabei geht es mir nicht um eine Kuschel- und Wohlfühlatmosphäre. Klartext ist auch wichtig, doch Mitgefühl ist die Basis.

Ebenso finde ich das starke Streben nach Erfolg und Status fragwürdig. Warum identifizieren sich viele Menschen mit dem was sie erreicht haben oder besitzen? Was ist, wenn Ruhm und Reichtum auf einmal wegfallen? Bin ich dann nichts mehr wert?

Wenn etwas Freude bereitet, ist das wunderbar. Dann mache ich das aus Eigenantrieb, weil ich Spaß daran habe. So wie ich früher gerne Handball und Fußball gespielt habe. Dafür brauchte ich keine Belohnung in Form von Geld oder Auszeichnungen. Die Bewegungen, der Wettkampf und das Miteinander waren das Ziel. Über einen Sieg habe ich mich natürlich für den Moment auch gefreut. Aber er war nicht so wichtig, wie das Spiel vorher.

Das Wort Selbstbewusstsein besteht ja aus 3 Bestandteilen: selbst, bewusst, sein.

Zu sich zu finden, sich anzunehmen, ist der erste große Schritt.

Achtsam und bewusst zu leben der zweite.

Und irgendwann gelingt es hoffentlich, einfach zu sein.

Den Augenblick zu genießen, die Freude willkommen zu heißen und die Traurigkeit zu umarmen. Das ist Leben, zumindest für mich.

Kannst Du eine gute Übung empfehlen, mit der man das eigene Selbstbewusstsein stärken kann?

Das hängt ein bisschen damit zusammen, woran man sein Selbstbewusstsein knüpft. Ich habe auf jeden Fall angefangen, Tagebuch zu führen. So wird mir jeden Tag bewusst, was gut läuft und ich auf den Weg gebracht habe. Am Ende einer Woche, eines Monat, eines Jahres blicke ich dann zurück und bin erstaunt über all diese wunderbaren Dinge. Mein innerer Buchhalter wird so angehalten, auch die Erfolge zu buchen und nicht nur die Fehltritte.

Doch Selbstbewusstsein beinhaltet für mich mehr als Erfolg und Status. Fallen diese einmal weg, bin ich hoffentlich auch noch da. Insofern ist es für mich so wichtig, sich selbst anzunehmen und zu lieben. Das gelingt mir immer besser, indem ich meditiere. Zu sehen, wie die Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Ich war erstaunt, dass das ja alles gar nicht so fest und stabil ist, wie ich annahm.

Achtsamkeitsübungen wie Meditation, Yoga oder Thai Chi halte ich für ganz wichtig, weil sie den Fokus und die Wahrnehmung verändern. Wir haben dadurch die einzigartige Möglichkeit, andere Aspekte von uns wahrzunehmen.

Nochmal zurück zum „Weg“: zu den häufigsten Argumenten dagegen, endlich das zu tun, worauf man wirklich Lust hat, ist „ich habe doch Kinder zu versorgen“. Was rätst Du jenen, die eine solche Verantwortung tragen … und dennoch eigentlich gern riskieren würden, ihren Weg zu gehen?

Mit den Ratschlägen ist das so eine Sache. Weiß ich, wo diese Menschen stehen, welche Ängste sie haben? Nein. Dann zu sagen, du musst nur das und das machen, hat bei mir auch ganz wunderbar funktioniert, ruft meistens Widerstand hervor und ist aus meiner Sicht auch unsensibel.

Was eher hilft, ist, Menschen zu ermutigen, ihre Träume ernst zu nehmen. Oder überhaupt erst einmal mit dem Träumen anzufangen. Dadurch kann dann eine Eigendynamik entstehen. Plötzlich entsteht Neugierde, man kauft sich ein Buch usw. Die Motivation, der Antrieb kommt dann von Innen.

Und so erschreckend das klingt: Leiden ist auch ein Antrieb. Manchmal brauchen wir diesen inneren Druck, um etwas zu verändern. Ansonsten machen wir so weiter wie bisher. Hat ja auch funktioniert. Wozu ein Risiko eingehen, wenn es scheinbar auch einfacher geht?

Marshall B. Rosenberg hat einmal gesagt, dass es ganz wichtig ist, Menschen leiden sehen zu können. Das hat mich im ersten Moment schockiert. Doch es hat auch etwas mit Respekt zu tun. Ich traue den Menschen zu, eigene Lösungen zu finden. Man hilft den Menschen ja auch nicht, wenn man für alles schnell eine Lösung anbietet. Das hat natürlich auch seine Grenzen. Ist ein Mensch stark gefährdet, muss ich eingreifen.

Auf Deiner Seite schreibst Du „Die meisten von uns haben mehr, als man zum Leben braucht. Aber haben wir auch etwas, wofür es sich zu leben lohnt? Für mich sind es die Verbindungen zu den Menschen, die meinem Leben einen Sinn geben.“ Wann ist es auf der anderen Seite Zeit, selbstbewusst zu sein und Verbindungen hinter sich zu lassen, die einen aufhalten? Und wie schafft man das?

Für mich ist es wichtig, Unklarheiten und Ärgernisse in der Freundschaft anzusprechen. Dem Anderen ganz klar zu sagen, womit ich zurzeit nicht klar komme und was meine Bedürfnisse sind. Für diesen Austausch bedarf es beide Seiten. Ist eine Seite nicht mehr bereit zu investieren, ist das Ende vorprogrammiert.

Auf Dauer stelle ich mir 2 Fragen:

Gibt mir die Freundschaft Energie?

Bin ich mit ganzem Herzen dabei?

Natürlich darf ich Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gehen, denn daran wachsen Freundschaften und Beziehungen auf Dauer, sofern sich beide damit auseinandersetzen.

Aber irgendwann haben die gemeinsamen Interessen und Verbindungen auch ein Ende. Mit den meisten Menschen gehen wir nur ein Stück des Weges. Oftmals sind es bestimmte Gemeinsamkeiten, die uns verbinden. Z.B. der Beruf, die Schule, der Verein usw. Fällt dieses Bindeglied weg, dann fehlt oft der Kitt. Und es ist zeitlich ja auch kaum machbar, alle möglichen Bekanntschaften aufrecht zu erhalten. Freuen wir uns über die schönen Momente, bleibt auf jeden Fall ein gutes Gefühl zurück.

Welche drei Dinge gehören zu den wichtigsten, die Du in Deinem Leben gelernt hast?

Für mich sind es Achtsamkeit, Mitgefühl und Weisheit.

Daran versuche ich mich jeden Tag.

Achtsamkeit erweckt den Augenblick zum Leben, denn jeder Moment ist anders.

Mitgefühl für mich und andere schafft Wärme. Diese Verbundenheit ist wichtig für vertrauensvolle und bereichernde Beziehungen.

Und natürlich ein klarer Kopf, sonst werden die Dinge schnell gefühlsduselig.

Wenn Du dem Leser nur ein einziges Buch empfehlen dürftest … welches wäre es und warum?

„Nützlich sein“ von Ole Nydahl ist eines der besten Büche die ich kenne. Der buddhistische Lehrer erklärt in klaren Worten, was uns langfristig zu Glück verhilft. Natürlich nicht nur ein Buch für Buddhisten. Letztendlich geht es um gesunden Menschenverstand und Mitgefühl.

Wo können die Leser mehr von Dir und Deinem Tun erfahren?

Auf meiner Website leben-ohne-limit.com und auf Facebook unter facebook.com/lebenohnelimit

Herzlichen Dank!

 

Photo (oben): Dhilung Kirat