Am Wochenende. Nach diesem Projekt. Im nächsten Urlaub. Wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wenn ich eine halbe Million Euro angespart habe. Wenn die Rente oder der Lottogewinn da ist. Dann, ja dann geht’s mal sowas von ab: alles, wovon wir schon so lange träumen, wird passieren. Wir reisen nach Bali, auf die norwegischen Lofoten, nach Australien, pilgern, wandern, lesen und schreiben Bücher, lernen einen Kampfsport, Yoga, Bogenschießen und Schach … und verbringen viel, viel Zeit mit unseren Lieben.

Wir können es kaum noch erwarten, so toll wird das.

Aber eben nur kaum … und so warten wir doch.

Lange, zu lange.

Bis dahin schuften wir, erleiden Jahre in unerfülltem Wachschlaf und Herzinfarkte, Burn-outs und Depressionen, Krebserkrankungen und Schlaganfälle. Dann könnten wir zwar immer noch die Welt bereisen, aber mit Infusionsständer und dem Rat des Arztes im Kopf, uns nur nicht zu viel zu bewegen oder etwas aufregend zu finden, macht das irgendwie weniger Spaß.

Der Fischer und der Manager

Du kennst Heinrich Bölls Geschichte vom Fischer und dem Manager vermutlich, ich möchte sie Dir trotzdem (noch mal) erzählen. In ihr stecken mehr Kraft und Weisheit als in tausend Tonnen Büchern:

Ein ärmlich gekleideter Fischer döste am Hafen einer etwas abgelegenen Bucht, als ein Tourist, ein Manager, ihn mit einem klickenden Fotoapparat weckte.

„So ein hervorragendes Wetter zum Angeln“, sprach der Manager ihn an, „was machst Du hier am Strand, Du könntest heute unzählige Fische fangen. Warum bist Du so faul?“.

„Ich war in den frühen Morgenstunden schon draußen und habe so viel gefangen, dass es für die nächsten Tage reicht“, antwortete der Fischer nach einer Weile.

„Ja, aber stell’ Dir vor, Du gibst jetzt richtig Gas, fährst drei- oder viermal täglich raus und den Gewinn investierst Du in weitere Boote und in Angestellte. Du könntest sogar das Ausland beliefern. Keine zehn, fünfzehn Jahre später verkaufst Du das Unternehmen und bist reich. Dann kannst Du und am Strand liegen und dösen.“

„Am Strand liegen und dösen … das tue ich doch jetzt schon“, so der Fischer.

Die Überheblichkeit des Managers wich Neid und Scham und er zog davon.

Worauf warten wir? (Und wie die Ärzte an meinem Herz rumfummelten)

… darauf, dass sich die Bedingungen ändern?

Ich glaube nicht.

In Wahrheit warten wir darauf, dass wir uns selbst ändern. Dass sich ein Schalter IN UNS umlegt.

Unsere Umstände haben sich schon häufiger gewandelt, aber wir sind doch fast immer die selben geblieben, oder? Warum sollten wir auf einmal aufhören, das eigene, das echte, das volle Leben vor uns herzuschieben … haben wir uns nicht schon sehr oft versprochen, es uns nach diesem oder jenen Ereignis besser gehen zu lassen und dann doch wieder nichts geändert … sondern weitergeackert wie die Blöden?

Vor ein paar Jahren, ich war noch Student, kam ich ins Krankenhaus wegen eines recht hohen Fiebers, das ums Verrecken nicht sinken wollte. In solchen Fällen untersucht man das Herz des Patienten, weil mit dem Langzeitfieber Herzmuskelentzündungen einhergehen können. Die Ärzte drückten mit einem Ultraschallgerät auf meinem Herz herum (von außen …) und tuschelten lange und angeregt und ich dachte mir: „wenn ich hier gesund wieder rauskomme, werde ich ein stressfreieres Leben führen“. Ich kam gesund wieder raus, und büffelte kurz vor der nächsten Prüfungszeit weiter wie ein Geisteskranker. Der Schalter in mir, von dem ich dachte, er sei umgelegt wurden, schnippte zurück. Die Erfahrung im Krankenhaus und die Angst, die ich dort hatte, hatten nicht dazu geführt, dass ich etwas ändere.

Schwere Entscheidung?

Vielleicht bist Du, lieber Leser, da anders gestrickt, auf mich trifft das aber leider zu: ich neige stark dazu, zu viel zu arbeiten und zu erledigen und zu wenig zu leben und zu genießen. Selbst jetzt, wo ich als kleiner Internet-Unternehmer frei bin wie nie, nutzte ich die Freiheit nur selten aus. Ja, ich könnte vom Strand aus arbeiten. Oder einfach mal so am Strand liegen. Ich tu’s aber meistens nicht. Inzwischen gelingt es mir aber, tagsüber mal spazieren zu gehen, zu schmökern, im Café zu sitzen und mir hin und wieder einen kleinen Urlaub zu gönnen. Und vorgestern habe ich beschlossen, etwas weniger für myMONK zu schreiben als bisher.

Für mich sind das große Fortschritte.

Der Dalai Lama meint, man solle seine Errungenschaften danach bemessen, wie viel man für sie aufgeben musste – also: wie schwer es für uns persönlich war. Heute fällt es uns leicht, unser Privatleben und Seelenheil in die Tonne zu treten und 50 Stunden oder mehr im Büro zu verbringen. Es ist leicht, weil „das System“ es so für uns vorsieht und wir es überall um uns herum sehen und daran gewöhnt sind. Es ist leicht, sich krank- und totzuarbeiten.

Viel schwerer ist es, auszusteigen. Sich nach ein paar wenigen Stunden der überlebenssichernden Arbeit ans Hafenufer zu legen, ein Buch in der Hand und ein Getränk, und immer mal wieder in die Wolken zu schauen oder ein Nickerchen zu machen.

Und weil es so schwer ist, werden wir uns womöglich nicht ändern. Vielleicht, bis wir heftig erkranken und uns der Arzt mitteilt: „Du hast noch 2 Jahre zu leben. Viel Spaß.“ Vielleicht auch, bis wir tot sind.

Es gibt nur eine Kraft, die uns vor dem Schicksal retten kann, uns für nichts und wieder nichts aufgeopfert zu haben.

Es ist die Kraft der bewussten Entscheidung. Diese Entscheidung kann uns auch kein Reichtum, keine Rente, kein Arzt und kein Krebs abnehmen.

Wir können uns entscheiden, heute etwas mehr Fischer sein und etwas weniger Manager.

Und morgen noch ein Stück weiter.

Leicht ist das nicht, doch wie schaut Deine Alternative aus … in drei Jahren, fünf, zehn oder zwanzig?

Was würdest Du bereuen, wenn alles so weiterginge wie bisher?

Welche Erfahrungen würdest Du nicht gemacht haben,

welche Menschen nicht kennengelernt,

welches Leben nicht gelebt?

Mehr unter 7 seltsame Fragen, mit denen Du Deine Berufung finden kannst und unter Heute den ersten Schritt gehen.

Photo: Riza Nugraha