|9. November 2012 07:49

Das traurige Zwischenergebnis eines jungen Mannes, der heute viel besser drauf ist

Es folgt ein Text, den ich 2005 oder so geschrieben habe. Zu einer Zeit, in der ich nicht gerade glücklich war. Heute, sieben Jahre später, ist er wieder aufgetaucht. Und ich bin froh, dass ich ihn heute so nicht mehr schreiben könnte und wöllte. Zwischen dem Schreiben dieses Textes und des weitaus erfreulicheren Lebens heute liegen viele Erfahrungen, Gedanken und vor allem Begegnungen mit Menschen, die mich verändert haben. Etliches davon fließt in die myMONK-Artikel ein.

Aber seht selbst, hier ist er, der besagte, alte Text:
 


 

Es geht immer nur um Liebe. Du kannst versuchen, dich an was anderem aufzuhängen um erfüllt zu sein, und dann merkst du: es reicht nicht. Es wird niemals reichen.

Ein Mensch in einem Haus. Alle Fenster zugezogen. Sicher: dunkel. Sicher auch: draußen ist es hell, dort sind die großen Gefühle, aber Angst, wie Hannelore Kohl, die tote Frau des Exkanzlers. Lichtallergie seit 1993, dann Selbstmord. Bei ihr waren es die Schmerzen und die Ungewissheit. Bei mir nur die Ungewissheit. Oder denkt an die Dunkelzelleninhaftierten, die jeden Donnerstag für dreißig Minuten raus dürfen. Innenhof, für ein paar Minuten sehen die noch gar nichts, weil sich alles verkrampft im Augenbereich. Bei mir auch, die schwere, schwarzbraune Gardine ganz leicht zur Seite schiebend, zusammenkneifen, brennt irgendwie, klar, fühlt sich aber warm an. Angst vor Hautkrebs hat man immer in der Sonne. Und weil das nur ne Scheiß Metapher ist gibts auch keine Sonnencreme mit Trauerschutzfaktor 50. Es geht um Liebe.

Also steh ich nun hier, im Schlafzimmer. Kleiderschrank auf, das nicht, das nicht, ah, das geht gerade noch. Was du nicht mitbekommen hast: Tageszeitenwechsel auf Abend. Wetter.de -> Regenwahrscheinlichkeit 90%, Sommergewitter zu erwarten. Mein Arm zittert und weil ich das bemerke halt ich den kurz an, im Griff nach den passenden Klamotten. Schau ihn dir genau an, er gehört zur Exekutive meines kleinen beschissenen Staates im Kopf. Wie er zittert. Wie die Soldaten im Russlandfeldzug unter Hitler, war schon alles entschieden, und die standen da, unterbesetzt, Munition fast leer und wussten es: bald ists vorbei. So ähnlich muss es nun diesen 70 Zentimetern Knochenfleisch mit den fünf Fingern gehen.

Sich umziehen, das kann jeder. Zur Wohnungstür gehen, und dann natürlich auch raus. Fahrstuhl? Heut nicht. "Heute nicht" klingt beschwörerisch, ist es weniger, der Fahrstuhl ist kaputt. Manchmal liegen hier Hundehaufen in der Nähe der Haustür. Heute nicht. Vielleicht wäre ich reingetreten, weil das noch nie jemand absichtlich gemacht hat, das Heldentum von Jackass. Wechsel der Straßenseite, danach anhalten, umdrehen. Im Blick jetzt meine Wohnung und die Vorstellung, wie sie leer geräumt wird, und später weiter vermietet, und dass der Makler nichts davon erzählt, was mit dem Vormieter los war. Einige Nachbarn können sich dann wohl noch daran erinnern, wie immer alles zugezogen war, nie Licht rein kam. "So kann der doch keine Pflanzen halten."

Du fährst an mir vorbei, Scheinwerfer an, Musik an, siehst mich kurz, denkst dir: der wartet auf jemanden, so steht doch keiner nachts herum. Bist schon wieder zwanzig, dreißig, vierzig Meter weiter. Und ich stehe da, mit dem zitternden Arm, und dem anderen, der für gar nichts gut ist, höchstens für symmetrische Effekte. Ich bin der Wichser, für den man weiter rechts fährt damit die Regenpfützen fliegen. Ich bin das Geschwür, das einen aus der Trance reißt. Fick dich. Und mich auch. Ich bin die Wespe, die du verschluckst, die leere Klopapierrolle, die Verachtung in deinen Augen. Mach sie zu und sag meinen Namen drei Mal. Du wirst merken: es bringt gar nichts und ich stehe da, mit dem zitternden Arm und will: ich liebe dich. Schreien. Aber du hörst es nie.

Eine Straße weiter, Bars, Menschen so eng zusammen wie im Treppenhaus vom World Trade Center am Elften. Voll mit Bier, Cocktails, Sperma, Serotin, Ideen, Gefühlen, Wahnvorstellungen, Kokain. Lasst den Kellner mal durch. Zahlen, ja? Noch was bei euch? Sechs Pilz noch, geht in Ordnung. Eine Straße zurück: ich. Ein Jahr zurück: ich, Hoffnung, das Leben beginnt, Veränderung. Aus Veränderung wurde Verendung. Gestern sind zwei Kinder im Rhein geschwommen, bis eine Strömung kam. Vorgestern saßen Menschen in einem Cafe, bis neben ihnen eine Selbstmörderin aufschlug. Den Tag davor hat ein Hochwasser 76 Häuser zerstört. Das ist es nicht, was mich umbringt. Ein Gefühl. Lässt mich abstürzen und spült mich weg.

Aus den dreißig Minuten Entfernung vom See werden erst zwanzig, und dann zehn und ich sehe wieder dass ich nur nachts sein kann, wenn alles Ruhe ist und dann vielleicht noch zu Regen und Sturm wird, und die Ruhe zu einem Rauschen, und das Rauschen zum Rausch und von da aus wieder zur Ruhe. Du denkst dir jetzt vielleicht, wo ich die letzten hundert Meter laufe, dem Wasser entgegen, was macht das Arschloch denn? Es bleibt stehen und zieht seinen Kragen hoch. Atmet. Ein. Aus. Ein. Hebt einen Stein auf am Ufer und steckt ihn in die Hosentasche. Geht auf den Steg zu, betritt ihn, langsame Bewegungen, läuft bis ganz nach vorn, während sich der Wind mit den Bäumen streitet. Beide Schuhe auf morschem, feuchtem Holz, das bei jedem Schritt nachfedert. Ein paar hundert Meter gerade aus, am anderen Ufer: drei Laternen malen gelbe Flecken ins schwarz. Und mein Kopf sinkt im Blick nach unten. Nach jahrzehntelangen Ausgrabungen gibt es Stellen, die mehr als achtzig Meter tief sind. In meinem Schädel nicht, dort bist du die tiefste Stelle. Du reißt mich nach unten, ich reise nach unten.

Und ich nehme ein Stück Papier aus der Tasche, und dann einen Stift, und ich schreibe es auf, vielleicht musst du es mehrmals lesen.

Ich liebe dich.

[legt den Zettel auf den Steg, nimmt den Stein aus der Tasche, legt ihn darauf, damit seine Worte nicht davon fliegen]


 

Photo: Atomicjeep

10 Kommentare

  • wow was für ein text. ich bin beeindruckt. das kann nur aus der feder eines anfang zwanzigjährigen Idealisten stammen;)
    letzendlich muss sich jeder selbst aus der grube ziehen. die er wohlgemerkt selber gräbt…
    wünsche dir ein schönes wochenende tim. und dass nie mehr solche gedanken durch deinen kopf gehen
    eine ergänzung zum ersten satz im text: es geht immer nur um liebe ZU SICH SELBST.

    liebe grüße ;)

    • Dankeschön, liebe Monika!

      Die Ergänzung mit der Liebe zu sich selbst ist gut, ich glaube aber, dass Liebe schon noch weiter gehen kann – und sollte, sobald die Selbstliebe in Ordnung gebracht ist.

  • Tim, du kannst echt super schreiben! Das steht fest. Danke für deinen Text. Auch, wenn du dich damals wahrscheinlich gefühlt hast wie der letzte Zombie – du glaubst gar nicht, wie viele Leute so eine Phase (die durchaus auch mal länger dauern kann) durchleben ;) Ich hab´ es auch geschafft, so ein Dasein (zurückgezogen, mit Medien zugedröhnt, vom eigentlichen Leben und – vor allem – von der Liebe nur geträumt, andere beneidet) hinter mir zu lassen und lebe heut sogar ganz gern gesellig. Das Zombie-Gefühl kommt zwar ab und an noch mal auf – aber es verschwindet auch wieder ;) Auf das heute!

    • Hi Hanka,

      dankeschön für die Blumen!

      Darf ich fragen, was Dir dabei geholfen hat, mehr unter Menschen und weniger unter Zombies zu weilen?

      LG

      Tim

  • Ja, Tim, das habe ich auch so ähnlich grad hinter mir, bzw bin noch dabei, es hinter mir zu lassen (auch ich habe noch eine Phase mit geschlossenen Rollläden, möchte morgens gar kein Licht sehen..).

    Vor beinahe einem Jahr habe ich schon zum Artikel des Nichtannehmens eines Geschenks gepostet, dass mein verschenktes Herz wieder mir gehört, aber ich habe es noch nicht zurückbekommen, es schwebt noch irgendwo zwischen ihm und mir. Aber es scheint wieder besser zu werden.

    Und was das beste ist, das letzte Jahr (durch privaten und beruflichen Stress) hat mir dabei geholfen, mich neu zu orientieren! Ich kann sogar dem Menschen, der mein Herz nicht wollte, dankbar sein, denn ich habe mich aufgerafft und orientiere mich neu. Ich habe im vergangenen Jahr herausgefunden, auf wen ich mich verlassen kann. Ich habe überlebt! Dank vieler Freunde, neu gefundener “alter” Interessen, deines und interessanter anderer Blogs (herzlichen Dank an dieser Stelle stellvertretend an Markus Cerenak, Ben Ahlfeld, der Textlady.

    LG, Bettina

    • Hey Bettina,

      freut mich sehr zu lesen, dass es Dir besser geht und Du auf einem so guten Weg bist – möge er Dich zu viel Freude und Fülle führen! :)

      LG

      Tim

      PS: wer ist die Textlady?

  • Lieber Tim,

    ich mag die Menge an Selbstmitleid die einem irgendwann einfach bewusst wird. So ist es doch überall… Irgendwann wacht man hoffentlich auf und stellt fest, wie viel Leid man sich auch einfach selbst antut. Phrasen wie “Jeder ist seines Glückes Schmied…” bekommen doch eine ganz neue Bedeutung: Ja! Heb’ Deinen Allerwertesten und pack’ es an, verdammt noch mal! Auf was oder wen wartest Du denn? Dein Leben zieht gerade, jetzt und hier an Dir vorbei und Du hängst in einem Meer von Selbstmitleid und willst bei irgendwem auf den Schoß der Deine Wunden küsst. Küss’ Dich selbst und nimm’ Dich in die Arme! Wertschätze Dich! Und dann… geh’ raus mit einem Zettel und einem Stift und laufe auf den Steg. Finde vorher einen Stein der Dir gefällt und gehe dann en Weg weiter. Schreibe: Ich liebe mich! auf den Zettel und beschwere ihn mit dem Stein auf dem Steg. Das Leben ist zu kurz um sein Glück an Anderen festzumachen.

    Danke Tim, ich habe gerade ein AHA-Erlebnis. Ich stehe jetzt auf und richte mein Krönchen…

    Liebe Grüße, Ari

  • Einfach nur “Wow!”. So düster wie faszinierend. Das Dunkle, Verbitterte, Verbissene, Frustrierte, Gequälte, Unglückliche, was da in einem wütet, oft eine (gefühlte) Ewigkeit lang – das umgibt einen, wenn man zu tief in den Strudel des “Zombietums”, wie ich es bezeichne, rutscht.

    Ich habe in der letzten Zeit verdammt viel von dir gelesen – und nicht einmal “Was ein Murks” o.ä. gedacht.
    Das Gefühl, etwas zu einem deiner Beiträge schreiben zu wollen, etwas zum Thema sagen zu KÖNNEN, hat mich jetzt jedoch das erste Mal so richtig gepackt.

    Schon seit Jahren bin ich kein Freund von “Gesellschaftsroboten”. Noch so eine Eigenkreation, vielleicht a bissle beeinflusst von den werten DTH – Hier kommt Alex? Keine Ahnung. Nix bei denken – Alltag bei mir. ;-)

    Und dennoch, eben trotz dass mein Bewusstsein auf “Anti-Zombie” gepolt ist – mein Unterbewusstsein hat mich völlig unbeeindruckt von dem, was das Bewusstsein an Standpunkten vertritt, peu a peu immer tiefer in eine jahrelange multiple Stressfalle laufen lassen, beruflich wie privat. Mit all den unschönen Nebenwirkungen, die man sich vorstellen kann … Gesundheit absolut im Keller, emotional noch ein paar Geschosse tiefer, mitunter alles in Fage stellend. Dann hats irgendwann “Klick” gemacht vor mittlerweile 1,5 Jahren.

    Nicht, dass seitdem alles rosa läuft, aber die Ambitionen, aktiv daran zu arbeiten, sind aufmal vorhanden und haben dann und wann sogar auch in der Praxis die Oberhand.

    Oder kurz & abgedroschen: gut Ding will Weile haben. Der Weg ist weder einfach noch flott zu meistern, wichtig ist aber, das man sich immer wieder auf diesen besinnt. :-)

  • Dankeschön Chaosköppche für Dein schönes Kompliment an die “Murkslosigkeit” hier! :)

    Bei mir waren es auch Jahre zwischen meinem Zustand damals und dem heute – auch wenn auch letzterer nicht “perfekt” ist.

    Kannst Du Dich an den “Klick” erinnern? Was war denn denn erster Schritt und kannst Du Dich an den Auslöser erinnern?

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