Birgit Sonnenschein steht hinter der Website www.mutmach-geschichten.de. Nach der Diagnose „Schwere Multiple Sklerose“ im Alter von 35 Jahren, kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes hieß es, sie würde bald für immer an den Rollstuhl gefesselt sein (was sich zum Glück nicht bestätigt hat). Ihren Lebensmut konnte ihr die Krankheit nicht nehmen – und so hilft sie heute anderen kranken Menschen dabei, tapfer und zu sein und das Leben zu genießen.

Wie geht es Ihnen heute – und worüber haben Sie sich heute schon gefreut?

Derzeit bin ich wieder mit den Beinen etwas gehandicappt wegen einem neuen Schub. Trotzdem bin ich guter Dinge und positiv. Gefreut habe ich mich eben, als mich eine gute Freundin überrascht hat und mir spontan ein Mittagessen (nach meinem Ernährungsplan) mitbrachte, so dass ich heute gar nicht kochen brauche. Es  ist toll, so gute Freunde an seiner Seite zu haben.

Warum haben Sie die „Mutmach-Geschichten“ gegründet – und für wen gibt es sie?

Nun, ich war durch meine Krankheit Multiple Sklerose häufig im Krankenhaus. Und daher weiß ich genau: Wer krank ist, möchte nicht nur Leid und Elend sehen.

Ich fand die Idee gut, eine Homepage für Kranke zu machen, in der sich jeder sozusagen jederzeit und kostenlos Mut „abholen“ kann. Und gleichzeitig fand ich es spannend, die wahren „Erfolgsrezepte“ der Menschen zu sammeln, die wieder „geheilt“ wurden, und sei es auch nur von einem schweren Schub. Egal, welchen Weg sie gegangen sind und welche Krankheit sie hatten oder haben. Und diese Geschichten nenne ich „Mut-Mach-Geschichten“…

Was heißt Heilung für Sie?

Der Begriff „Heilung“ ist für mich eine Sache der Definition! Ich persönlich finde es nämlich auch eine „Mut-Mach-Geschichte“ wert, wenn nur ein einzelner schwerer Schub sich wieder zurückgebildet hat oder wenn Jemand trotz unheilbarer Krankheit nur mit einem kleinen Handicap ein schönes Leben führt. Der reine Glaube an Heilung ist für viele Kranke der erste, wichtige Schritt.

Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Für mich als Perfektionistin war es schwer, mich damals zum ersten Mal in der Öffentlichkeit mit Rollstuhl zu zeigen nach dem Motto: „Seht her – ich bin doch nicht so perfekt, ich habe MS“, aber irgendwie war ich dann auch stolz auf mich. Endlich hatte ich den Mut, mich so zu zeigen wie ich wirklich bin.“ Was sagen Sie jemandem, der wegen einer Erkrankung oder eines anderen (vermeintlichen) Makels unglücklich ist, sich schämt und zurückzieht?

Ein schwerer Schicksalsschlag ist eine Herausforderung, an der wir wachsen können. Das müssen wir lernen und das ist sicherlich nicht einfach, keine Frage. Wenn wir uns so geben, wie wir sind, haben wir auch Freunde die uns so akzeptieren und schätzen – und die sind viel wertvoller.

Besonders schwer ist es meiner Erfahrung nach, um Hilfe zu bitten, wenn es nicht anders geht. Aber es ist auch unglaublich zu sehen, wie viel Hilfe man dann bekommt – gerade von Menschen, von denen man das gar nicht erwartet hätte! Seitdem ich mit meiner Krankheit offen umgehe, geht es uns als Familie auch viel besser. Ich muss mich nicht mehr verstellen und so perfekt sein wollen, wir brauchen nichts verheimlichen und treffen auf viel Verständnis und auch Hilfe und das macht das Leben viel leichter und auch schöner.

Wie können wir es schaffen, nach einem – wieder einmal – gescheiterten Behandlungsversuch stark und mutig zu bleiben und weiter nach Heilung zu suchen?

Das ist wirklich nicht einfach! Ich persönlich arbeite ganz gezielt daran. Zunächst zwinge ich mich, ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Als erstes frage ich mich: „Was kann ICH tun, damit es mir besser geht?“

Es kann sein, dass ich dann noch mal in Ruhe recherchiere, was alternativ geht, mich einfach erst einmal ablenke und ein lustiges Buch lese oder einfach mit Jemanden drüber spreche –  Frauen hilft das ja immer:-). In meinem persönlichen Tief nach der Diagnose habe ich Bücher zum Thema „Positives Denken“ verschlungen. Grundsätzlich ist dieses Thema zurecht umstritten, aber mir hat es geholfen und ich habe mir positives Denken regelrecht angeeignet.

Können wir trotz einer schmerzhaften und / oder besorgniserregenden Erkrankung innere Ruhe finden?

Es kommt auf die Einstellung an. Auch wenn meine Krankheit unheilbar ist, sagt das nichts über mein Befinden aus oder über die Zukunft.

Eine schwere Erkrankung heißt daher nicht automatisch, dass wir auch alle Symptome der Krankheit kriegen können. Wir sollten uns  mit den richtigen Menschen umgeben, uns über nichts Gedanken machen, was noch nicht eingetreten ist und versuchen, das Leben soweit es geht zu genießen. Wir  könnten beispielsweise nach einer eigenen Kraftquelle suchen, uns mit Mitbetroffenen austauschen, Entspannungstechniken ausprobieren und versuchen wiederzuentdecken, was uns richtig Spaß macht.

Was können gesunde Menschen von jenen mit einer schweren Erkrankung lernen?

Sie sollten ihr Leben, ihre Unabhängigkeit und Freiheit jede einzelne Minute genießen!
Sie könnten lernen zu wissen, wie gut es Ihnen geht. Das klingt banal, ist Vielen aber gar nicht bewusst. Sie könnten sich weniger über Kleinigkeiten ärgern und sich Zeit für wirklich wichtige Dinge und Menschen nehmen. Sie könnten gegenüber anderen Menschen toleranter sein oder über kleine Fehler hinwegsehen.

Wie können die Leser am besten mit Ihnen in Kontakt?

Am besten besuchen Sie meine Homepage: www.mutmach-geschichten.de, alle Kontaktdaten sind dort angegeben.

Herzlichen Dank!

 

Photo: ankakay