Auf einer Party:

Sylvia: „Also ich leite die Marketing-Abteilung eines mittelständigen Unternehmens in der gülleverarbeitenden Industrie! Und, was machst du so?“

Anne: „Naja, ich ziehe meine Kinder groß.“

Betretenes Schweigen, äähhh, okay … also kein Job, keine Karriere? … ja, ich muss dann mal weiter, ne.

Alles, was nicht nach Karriere klingt, ist heute in den Köpfen vieler Leute bedeutungslos. Ein Leben zweiter Klasse, oder eins, was sie fast in Anführungsstriche setzen würden, so mickrig wie es ihnen scheinen mag: „Leben“. Als wäre alles außerhalb von Meeting-Räumen und Gehaltsverhandlungen nicht der Rede wert.

Und damit sind nicht nur die Hausfrauen und Mamas, Hausmänner und Papas gemeint, sondern auch alle, die sich bewusst gegen die 60-Stunden-Tretmühle entscheiden. Die weder Sklaven ihres Ehrgeizes sind, noch Bock drauf haben, ständig einen spitzen Ellenbogen des „Kollegen“ ins Auge zu bekommen. Die sich aus dem Konzernwahnsinn und der permanenten Selbstdarstellung zurückziehen.

Die lieber ihr Privatleben genießen, ihren Leidenschaften nachgehen, malen, Musik machen, lesen, sich Zeit nehmen, um nachzudenken statt mehr und mehr zu konsumieren … und die dafür geächtet werden von den strampelnden und trampelnden Massen.

Dabei sind es vielleicht gerade diese unangepassten Menschen, die immer wichtiger werden in dieser Welt.

Der stoische Philosoph Seneca schrieb schon vor 2000 Jahren wunderbar darüber in seinem Buch Von der Gelassenheit:

Weil bei dem wahnwitzigen Ehrgeiz der Menschen und bei der so großen Menge von Verleumdern, die Recht in Unrecht verdrehen, Aufrichtigkeit zu wenig Sicherheit bietet und sich immer mehr Hindernisse als Erfolge einstellen werden, muss man sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Doch ein großer Geist hat auch im Privatleben genug Raum, sich zu entfalten. Menschliche Leistungen sind in der Zurückgezogenheit am größten.

Indes, man soll so im Verborgenen leben, dass man bei aller Abgeschiedenheit eines der Muße gewidmeten Lebens stets von dem Willen beseelt ist, den einzelnen wie der Allgemeinheit durch sein Talent, sein Wort, seinen Rat zu nützen. Denn nicht der allein nützt dem Staat, der dem Volk Kandidaten für die verschiedenen Ämter vorstellt, der Angeklagte verteidigt und über Krieg und Frieden sein Urteil abgibt, vielmehr auch der, der der Jugend ins Gewissen redet, der bei dem großen Mangel an guten Lehrern den Seelen Tüchtigkeit einpflanzt, der die, die hinter Geld und Genuss herrennen, packt und davon zurückhält und, wenn er sonst nichts erreicht, sie doch wenigstens etwas aufhält.

Ein derartiger Mensch übt im Privaten eine öffentliche Aufgabe aus.

Auch uns selbst dienen wir damit sehr, wenn wir uns eher auf das innere als das materielle Wachstum konzentrieren und auf Zufriedenheit statt äußeren Erfolg, wie Seneca fortfährt:

Wenn Du Dich zu den Studien zurückziehst, entfliehst Du jedem Lebensüberdruss, und Du wirst Dir nicht die Nacht herbeiwünschen; Du wirst weder selbst zur Last werden noch anderen überflüssig vorkommen; Du wirst einen großen Freundeskreis gewinnen, gerade die Besten werden in Scharen zu Dir kommen.

Denn niemals bleibt Vortrefflichkeit verborgen, mag sie noch so im Schatten stehen, sondern sie sendet ihre Erkennungszeichen aus. Jeder, der ihrer würdig ist, wird sie an ihren Spuren erkennen.

Wir müssen uns nicht kaputtschuften in Jobs, die wir nicht mögen. Wir müssen uns nicht permanent „beweisen“, nicht permanent leisten. Wir müssen nicht mitmachen bei diesem Treiben.

Ein bedeutungsvolles Leben braucht keine Karriere.

(Wenn Du mehr darüber lesen willst, siehe Laotses Gedanke „Sei wie der hässliche alte Baum“.)


Photo: Bezalel Ben-Chaim