Text von: Johanna Wagner

Weckerklingeln, duschen, einen Kaffee trinken, um wach zu werden. Den Weg zur Arbeit mit dem Smartphone in der Hand und Gedanken an das Gestern, Später oder Morgen im Kopf bestreiten. 
Angekommen. An der Arbeit. Im Alltag. Alltag heißt: Die Dinge tun, die man täglich tut. 
Dinge täglich tun heißt: Man kennt sein Tun. 
Man kennt sein Tun heißt: Abspulen.

Viel zu oft spulen wir unser Leben ab, als wäre es ein endloser, belangloser Faden, der hin und wieder einen nervigen Knoten bildet. Verheddern uns in unseren Mustern, verlieren uns in unseren Gedanken und arbeiten dabei stetig auf etwas hin, um schließlich irgendwo anzukommen… Aber wo? Im Kindergarten, in der Schule, in der Ausbildung oder im Studium, im Job, im Feierabend, im Jahresurlaub, in der Rente. Am Lebensende.

Und was haben wir während all der Zeit getan? Wir sind doch nie wirklich angekommen, weil wir uns immer schon im Aufbruch befanden. Natürlich haben wir die Feste gefeiert und auch den Zauber gespürt. Aber spazieren wir nicht viel zu häufig schlafwandelnd durchs Leben? Hoffen auf ein besseres Morgen und haben unser Bewusstsein mit dem einmal Gelernten ganz unbemerkt auf Autopilot gestellt. So, als hätte uns jemand auf Schienen platziert, ein Ziel programmiert und erst am Ende der Fahrt stellen wir traurig fest, dass wir alles verschlafen haben. Ganz achtlos haben wir während all der wertvollen Momente unser Leben verpasst. Klar, ein Moment ist nur ein kurzer Augenblick. Aber viele Momente bilden unser Dasein. Oder eben: Unser Nicht-da-sein.

Dabei ist Achtsamkeit nicht viel schwerer als Achtlosigkeit

Alles was wir tun, tun wir entweder achtsam oder achtlos. Es ist leicht nachvollziehbar, warum man sich nicht zum Sport aufrafft, die Schokolade einem Smoothie vorzieht oder eine Aufgabe ewig vor sich herschiebt. Weil das kurzfristig angenehmer ist. Aber welchen Sinn macht es, achtlos zu sein?

Die Harvard-Psychologie-Professorin Ellen Langer (oft als „Mutter der Achtsamkeit“ bezeichnet) ist der Ansicht, dass viele Menschen gar nicht genau wissen, was Achtsamkeit ist, wie man sie erreicht und diese obendrein häufig mit Meditation verwechseln. Doch Meditation ist nicht gleich Achtsamkeit, sondern nur ein Instrument, um mehr Achtsamkeit zu erlangen. 
In der Achtsamkeitspraxis, die sie lebt, geht es darum, Neues zu entdecken. Denn das versetzt in die Gegenwart und macht sensibler gegenüber Kontext und Perspektive.

So ließ sie in ihren Studien Probanden Aktivitäten durchführen, die diese für gewöhnlich nicht mochten (klassische Musik hören, ein Fußballspiel oder ein Gemälde ansehen beispielsweise). Eine Gruppe sollte diese Aktivität wie gewohnt durchführen, der anderen Gruppe erteilte sie den Auftrag, dabei zwei, drei oder fünf neue Dinge zu erkennen. Das Ergebnis war eindeutig: Je mehr Neues die Teilnehmer entdeckten, umso mehr mochten sie die Tätigkeit.

1 + 1 = 1

Diese Erkenntnis birgt etwas unglaublich Spannendes. Denn wie häufig schenken wir den Dingen, die wir kennen, keine echte Aufmerksamkeit? Fast immer! 1 + 1 = 2. Das nehmen wir für selbstverständlich und schauen nicht weiter hin. Aber wie viel ist 1 Schneehaufen + 1 Schneehaufen? Ein Wunder, dass die Gleichung in diesem Fall nicht aufgeht. Dabei ist doch eigentlich alles ein Wunder! Dass Sterne am Nachthimmel funkeln, dass das Laub sich färbt und von den Bäumen fällt oder dass eine Umarmung Dir Wärme schenkt. „Warum?“, haben wir als Kinder immer gefragt, haben die Welt entdeckt und uns von Details begeistern lassen. Doch mit jedem Lernen haben wir offensichtlich eines ver-lernt: Das Staunen.

Schon 6 Sekunden Achtsamkeit machen Dich effektiver

Was bringt es Dir nun, achtsam zu sein, außer wieder kindlich staunen zu können? Langers Forschungen haben ergeben, dass Achtsamkeit einen mächtigen positiven Einfluss u.a. auf unsere Gesundheit, unser Glück und unsere Effektivität hat. Chade-Meng Tan, Google-Pionier und internationaler Bestseller- Autor, geht sogar so weit, dass nur 6 Sekunden Achtsamkeit Dich effektiver machen.

Wie das funktionieren soll? Was Du dazu alles benötigst? Wie teuer das Ganze ist?

Es bedarf nur eines achtsamen Atemzugs.

„Warum?“, fragt jetzt das Kind in mir und staunt. Tan kennt die Antwort: Weil wir einen achtsamen Atemzug meist tief und langsam ausführen, wird auf physiologischer Ebene der Nervus Vagus stimuliert – das parasympathische Nervensystem wird aktiviert. Das reduziert Stress, die Herzfrequenz und den Blutdruck. Du wirst ruhig. Auf psychologischer Ebene bringt es Dich mit Deinem ganzen Bewusstsein für die Dauer des Atemzugs in die Gegenwart.

Wenn Du etwas bedauerst, bewegst Du Dich in der Vergangenheit; wenn Du Dich sorgst, springst Du in die Zukunft. Wenn Du aber Deine komplette Aufmerksamkeit auf den Atem lenkst, bist Du ganz in der Gegenwart. Und frei! Als würde in diesem einen Augenblick eine große Last abfallen, weil es nichts anderes gibt, außer Dich, Deinen Atem und das Jetzt. Unser Körper und unser Geist können sich entspannen und erholen, und Du kannst den angesammelten mentalen Ballast abwerfen, um einer neuen Situation mit Präsenz und Fokus zu begegnen. Nur mal nebenbei: Auch Novak Djokovic, die Nummer 1 der Weltrangliste im Tennis, bedient sich dieser Technik. Und warum sollten wir nicht können, was Djokovic kann. Er kann vielleicht besser Tennis spielen als wir, aber so gut atmen wie er, das wir bekommen wir doch hin…

Den Atem als Anker benutzen

Wir alle wissen, dass wir ohne zu atmen nicht leben können. Und doch atmen wir die meiste Zeit unbewusst. Nutze Deinen Atem, um Dich ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Er ist immer da. Immer. Nimm ihn wahr. Nimm Dich wahr, Deinen Körper, Deine Gedanken, Deine Gefühle, Deine Umwelt. Entdecke die Welt. Und lauf‘ nicht länger blind an allem vorbei, nur weil Du meinst, die Dinge schon zu kennen. So siehst Du die Schönheiten nicht. So fühlst Du die Sonnenstrahlen nicht. So spürst Du auch den Weg der Tränen über Deine Wangen nicht.

Fangen wir wieder zu staunen an, füllen wir unser Leben mit achtsamen Momenten, vertiefen es, leben es. Mit allem, was dazu gehört. Und seien wir achtsam, denn: Welchen Sinn macht es, es nicht zu sein!?

Mehr dazu unter 10 einfache Wege zu mehr Achtsamkeit und im myMONK-Buch Wie man Sorgen, Stress und Selbstzweifel loslässt.

Photo: stereogab