Es gibt Tage, da suche ich Beweise dafür, dass ich gut genug bin, ausreiche. Ich weiß nicht, vielleicht suche ich auch Beweise dafür, dass ich eigentlich doch eine miese, arme Wurst bin. Das Schlechte verdient und das Gute nur ergaunert habe.

Dann bin ich gnadenlos zu mir. Kritisiere jedes Wort, das ich schreibe, jeden Handgriff, den ich mache, jedes Haar, das falsch sitzt. Vergleiche mich kaputt mit all den Milliarden Menschen da draußen, die’s vermeintlich so viel mehr drauf haben, im Griff haben, Potenzial haben, Erfolg haben. Gib mir an diesen Tagen Zuspruch, und mein Gehirn verdaut ihn zu Scheiße. Gib mir an diesen Tagen Liebe, und sie versickert einfach, versickert, sickert, sick.

Wenn ich die vielen Mails und Kommentare von euch Lesern richtig deute, bin ich damit nicht allein. Vielen von uns scheint’s so zu gehen. In jeder Lebenslage. Preisgekrönten Unternehmern, Künstlern, Langzeitarbeitslosen (siehe Künstler), Müttern, Vätern, Rentnern und Jugendlichen, frisch Verlassenen und frisch Verliebten, Auswanderern und Einsitzenden, Durchstartern und Abgehängten.

Könnte auch an der Gesellschaft liegen, in der oft nur der totale und radikale Erfolg zählt und alles andere mit Scham besetzt ist, alles unter Sixpack, Millionen und strahlender Happy-Family (Zusatzpunkte, wenn schon die Kinder n Sixpack haben). Ein Druck, der nicht Diamanten presst, sondern uns immer das hässliche Gefühl gibt, falsch zu sein und mangelhaft.

Dann vergessen wir, dass wir im Kern gut und gut genug sind. Menschen, die ihr Bestes tun in einem Leben, das uns allen eine Menge abverlangt. Und dass es verglichen damit völlig egal ist, wie weiß unsere Zähne, knackig unsere Ärsche und prall gefüllt unsere Konten sind.

Hier sind ein paar Gedanken, an besagten Tagen helfen (inspiriert vom wunderbaren Tiny Buddha). Gedanken, an die wir uns erinnern können, wenn wir mal wieder hineingetappt sind in die Nicht-gut-genug-Falle. Am besten wirken sie, wenn wir immer sofort einen davon aufschreiben, sobald uns die ungnädige bis brutale innere Stimme in Stücke reißen will.

1. An Dir ist viel mehr richtig als „falsch“

Der Achtsamkeits-Lehrer Jon Kabat-Zinn sagte: „So lange Du nicht aufhörst zu atmen, ist an Dir viel mehr richtig als falsch.“ Auch, wenn wir aus Gewohnheit eher mit der Lupe auf unsere Fehler schauen … gibt es da nicht auch Vieles, für das wir uns mögen könnten? Für die Kämpfe, die wir gekämpft haben. Die Liebe, für die wir uns verletzbar gemacht haben. Das Mitgefühl und die Hilfe, die wir anderen entgegengebracht haben. Die Geschichte, die uns einzigartig macht.

2. Auch die Menschen, mit denen Du Dich vergleichst, vergleichen sich mit anderen

Vergleichen ist menschlich. Wir wollen damit unseren Platz finden. Wissen, wo wir stehen. Das hört auch bei jenen nicht auf, die anscheinend alles haben. Denn auch in ihnen schlägt ein ähnliches Herz und denkt ein ähnliches Hirn. Schauen wir auf uns selbst und die anderen mit liebevollen Augen statt verurteilenden, dann können wir sie klar sehen: die universellen Herausforderungen des Menschseins. Hören wir auf, unser Inneres mit dem Äußeren anderer Leute zu vergleichen. Und denken wir daran, dass es niemanden auf der Welt gibt, dem es besser gelingt, wir selbst zu sein als uns.

(Siehe auch: An alle die glauben, sie hängen im Leben hinterher.)

3. Der innere Kritiker ist ein chronischer Lügner

Wir halten es für wahr, was die Stimme in uns sagt. Schließlich kommt sie ja aus unserem eigenen Kopf. Doch sie lügt sehr oft. Und sie ist eine verdammt gute Verführerin. Weiß, wie sie was gegen uns verwenden kann. Da hilft nur eins: „Glaub nicht alles, was Du denkst“, wie Byron Katie schreibt. Gedanken sind Gedanken. Nicht mehr und nicht weniger – auf keinen Fall aber ein Gradmesser für unseren Wert.

(Siehe auch: Von Leid befreien mit einer einfachen Frage.)

4. Du brauchst Liebe am meisten, wenn Du glaubst, Du hättest sie am wenigsten verdient

Geht es mir schlecht, geht Liebe an mir vorbei. Sie wärmt mich dann nicht. Sie prallt ab. Das betrifft jedoch nur die Liebe von außen. Was ich dann wirklich brauche, ist Zuwendung von mir selbst. Verständnis und Mitgefühl. Das Zulassen und Da-Sein-Lassen von altem Schmerz und Blut aus nie ganz verheilten Wunden, von Wut und Scham und auch von Traurigkeit darüber, wie ich manchmal mit mir umgehe. Doch auch das ist okay. Darf sein. Machen wir’s, wie der buddhistische Lehrer Jack Kornfield, der sagte: „Beuge Dich über den Schmerz wie über ein Kind, das Du sanft streicheln möchtest.“

5. Du kannst Dinge am besten verändern, wenn Du sie zunächst akzeptierst

Wenn wir nicht Frieden schließen mit dem Jetzt, wird auch die Zukunft ein Krieg bleiben. Wir fühlen uns nicht schlecht, weil uns etwas fehlt. Sondern weil wir Widerstand leisten gegen das, was ist. Mit überzogenen Idealen. Mit der Meinung, wir hätten schon längst dieses und jenes erreicht haben müssen. Mit absurden Ansprüchen, die häufig nicht mal unsere eigenen sind. Die Wahrheit ist: Wir sind genau da, wo wir sind. Und genau hier ist der beste Ort, um dorthin zu starten, wo wir hinwollen. Wie viel schöner, angenehmer und lohnenswerter die Reise doch wird, wenn wir das akzeptieren.

(Siehe auch: 5 Dinge, die Du übers Akzeptieren wissen solltest.)

6. Du kannst Dich nicht in ein gutes Leben hinein-hassen

Was aus Selbsthass entsteht, wird der Selbsthass auch wieder vernichten. Jede Diät, in der wir mit zusammengebissenen Zähnen (dann passt immerhin nichts in den Mund) hungern, wir „fetten Schweine“, die wir für den Tyrann im Kopf sind. Jeder berufliche Erfolg, mit dem wir uns zur Liebenswürdigkeit peitschen wollen, wird so nach hinten losgehen. Wenn überhaupt etwas passiert statt einfach noch mehr Frustfressen und Couchbesetzen. Uns zu sagen, wie minderwertig wir seien, raubt uns schließlich massig Kraft und hält uns klein. Das Versprechen, es sei anders, wir müssten uns nur noch mehr in den Hintern treten, ist nur ein weiterer mieser Trick des inneren Kritikers. Pflanzen wachsen nicht, indem man sie anschreit, sie brauchen Licht und Wärme. Wir genauso.

7. Konzentriere Dich auf den Weg

… und darauf, wie weit Du schon gekommen bist. Nicht nur darauf, wie viel da noch vor Dir liegen mag. Ich vergesse das die meiste Zeit. Nehme meine Fortschritte für selbstverständlich oder überhaupt nicht wahr. Bin kein bisschen stolz darauf. Trotz der Steine im Rucksack, die ich während der gesamten Strecke mitschleppte. Es tut gut, mir das öfter klar zu machen. Da sind haufenweise Zweifel und Risiken und Narben und Ängste und Depressionen gewesen und immer wieder Rückschritte und Tiefs. Trotzdem habe ich ein paar ziemlich gute Sachen gelernt und geschafft. Hab mich entwickelt. Auch in meiner Beziehung zu mir selbst. Ich wette, das trifft auch auf Dich zu – ich wette, auch Du weißt heute mehr über Dich und das Leben als vor zehn Jahren. Und was ist schon wirklich von Bedeutung, wenn nicht das?

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Photo: David Michalczuk